Archiv für die Kategorie ‘Deutsche und Polen

Die Glocke aus Schmiedeberg in Emsdetten   Leave a comment

Obrazek

In einer kleinen Filialkirche zu Emsdetten – Ahlintel hängt sie: die Glocke aus der katholischen Kirche in Schmiedeberg. Sie wurde vor dem Kriegsende aus Schlesien ins Ruhrgebiet, nach Essen in die Krupp-Werke verfrachtet; mit dem Ziel, sie einzuschmelzen und Munition herzustellen. Doch es kam anders: der Krieg war bald vorbei, die Glocken blieben auf dem Werkgelände stehen. Der aus Schmiedeberg vertriebene Pfarrer Wilhelm Haunschild kam 1946 nach Emsdetten und baute die in der Bauerschaft Ahlintel gelegene Hl.-Konrad-Kirche mit einem etwa 9 meter hohem Turm. Dieser brauchte Glocken, Essen war nicht all zu weit. Und der gute Pfarrer fand dort, auf dem Fabrikgelände die Schmiedeberger Glocke. Sie wurde nach Emsdetten transportiert und um 1951 auf den Turm gehievt. 

Obrazek

Die Aufschrift auf der Glocke lautet:

WANN IHR CHRISTEN HOERT UNSERN KLANG, SO KOMPT EILEND, SEUMT EUCH NICHT LANG, HOERT GOTTES WORT, WELCHS ZEUGE TAN, WIE IHR VOR GOTT RECHT MOEGT BESTÄHN.

Signiert wurde die Glocke mit dem Stadtsiegel mit dem Schmiedeberger Wappen und der Aufschrift:

SIGILLUM CIVITATA METALL. SCHMIDEBEG 1634

was soviel bedeutet wie: Siegel der Bergstadt Schmiedeberg 1634. Obrazek

Eine wahrlich tolle Geschichte….

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Veröffentlicht 19/01/2012 von krkonos in Deutsche und Polen, Riesengebirge

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Über Villa Wiesenstein und Gert Hauptmann in der TLZ   1 comment

Dieser Beitrag stammt aus der Thüringer Landeszeitung TLZ

„Villa Wiesenstein“ in Agnetendorf erinnert an Hauptmann Die Straße ist schmal und führt steil bergauf. Wer nicht schwindelfrei ist, der verspürt ein mulmiges Gefühl in der Magengegend, wenn er mal rechts, mal links der kurvigen Straße in den tiefen Abgrund schaut. Es ist der Weg nach Jagniatków, nach Agnetendorf. Dort, hoch über dem Hirschberger Tal in Schlesien, einer der schönsten Kulturlandschaften Europas, im Riesengebirge, steht die „Villa Wiesenstein“: Ein Ort,der wie kaum ein anderer die enge Verknüpfung der deutschen und der polnischen Geschichte wie der Kultur symbolisiert.

Hier hat Gerhart Hauptmann („Die Weber“, „Der Biberpelz“) von 1901 bis zu seinem Tod am 6. Juni 1946, also vor 65 Jahren, gelebt. Das Haus diente ihm als Ort der Arbeit wie der Erholung. Und es war Treffpunkt von Künstlern, Literaten und Politikern – aus Berlin, Dresden und Breslau. Das Haus ist eines von fünf HauptmannMuseen in Deutschland und Polen, die sich zu einem „Museumsverbund“ zusammengeschlossen haben. Die Villa, im Stil der Neorenaissance vom Berliner Architekten Hans Griesebach in den Jahren 1900 bis 1901 auf einem Granitfelsen errichtet, ist umgeben von einem 1,6 Hektar großen Park. 200 000 Reichsmark musste Hauptmann dafür zahlen. Ein runder, gedrungener und deshalb trotzig wirkender Turm lässt das Gebäude wehrhaft erscheinen. Dieser Turm beherbergt noch heute Hauptmanns im Originalzustand erhaltenes Arbeitszimmer. Der Manuskriptschrank steht seit 2003 wieder an seinem angestammten Platz.

Hauptmann selbst nannte die „Villa Wiesenstein“ die „mystische Schutzhülle meiner Seele“. Im Inneren schuf er sich einen Seelentempel, eine Art Pantheon. Der expressionistische Maler Johannes Maximilian Avenarius – Hauptmann und ihn verband eine langjährige Freundschaft – stattete die Eingangshalle 1922 mit Wandgemälden aus. Sie wurde zu einer „Paradieshalle“. Über der Tür zum Esszimmer ist „Das Mahl der neun Musen“ dargestellt. Über dem Eingang zum Musikzimmer ist die Heilige Cäcilia zu sehen, allerdings nicht – wie üblich – mit einer Harfe, sondern mit einer Geige: Hauptmanns zweite Ehefrau Margarethe Marshall spielte dieses Instrument. Ein weiteres Bild trägt den Titel „Ankunft eines Kindes im Himmel“. Es erinnert an das Hauptmann-Drama „Hanneles Himmelfahrt“. Eine Marmorskulptur Hanneles steht im Park in unmittelbarer Nähe des Hauses. Über der Tür zur Bibliothek befindet sich ein Gemälde, das einen Jungbrunnen zeigt. Hauptmann war der Meinung, man müsse so oft wie möglich zu Büchern greifen, denn Literatur halte jung.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt Hauptmann von den Sowjets, die ihn wegen seiner sozialkritischen Werke sehr schätzten, einen „Schutzschein“, der ihm zunächst Bleiberecht in Agnetendorf sicherte. Im April 1946 teilten sie ihm allerdings mit, dass Polen auf Ausreise bestehe. Doch dazu sollte es nicht mehr kommen: Gerhart Hauptmann starb am 6. Juni im Alter von 84 Jahren in der „Villa Wiesenstein“. Seine sterblichen Überreste wurden nach Hiddensee überführt. Nach Hauptmanns Tod bis 1997 diente die „Villa Wiesenstein“ als Kindererholungsheim. Nach der politischen Wende in Polen verständigten sich Bundeskanzler Helmut Kohl und Ministerpräsident Tadeusz Mazowiecki darauf, das Haus in ein Museum und Kulturzentrum umzugestalten. So dient es heute als deutschpolnische Begegnungsstätte, in der regelmäßig wissenschaftliche Konferenzen, Symposien, Konzerte und Autorenabende stattfinden. Besucher können Paradieshalle, Arbeitszimmer, Bibliothek und Kaminzimmer besichtigen. Jedes Jahr im November wird in der Villa der Geburtstag Hauptmanns gefeiert, der im Jahr 1912 den Literatur-Nobelpreis erhielt. Filme aus 1911/12 und 1930er Jahren Einen besonderen Höhepunkt kann man am Ende der Besichtigung erleben, wenn Stummfilme unter anderem von Italienreisen Hauptmanns und von der Nobelpreisverleihung gezeigt werden. In einem „Italien“-Film sieht man Hauptmann mit einem riesengroßen Hut: Er war ein großer Goethe-Verehrer. So erklärt sich auch, dass in der Eingangshalle der „Villa Wiesenstein“ die ersten Zeilen aus „Wandrers Sturmlied“ die Gäste begrüßen: „Wen du nicht verlässest, Genius / Nicht der Regen, nicht der Sturm / Haucht ihm Schauer übers Herz.“ Ihn selbst verließ der „Genius“ bis zu seinem Tode nicht. In einem Film kann man sogar Hauptmanns Originalstimme hören: Der bereits hochbetagte Dichter liest aus seinen Werken. Die Filme stammen aus der „Wochenschau“ und wurden mit Unterstützung des sächsischen Innenministeriums angekauft.

Im Jahr 2008 wurde den Betreibern des Museums und Dokumentationszentrums in der „Villa Wiesenstein“ für die Pflege des deutsch-polnischen Kulturerbes der „Niederschlesische Erfolgsschlüssel“ verliehen. Die Betreiber der fünf Hauptmann-Häuser, darunter auch das Carl und Gerhart Hauptmann-Haus in Schreiberhau in der Nähe von Agnetendorf haben 2003 eine Vereinbarung über eine Zusammenarbeit unterschrieben – ein wegweisender Schritt in der Geschichte der Nachkriegszeit in den deutsch-polnischen Kulturbeziehungen. Deutsche und polnische Museen arbeiten nun zusammen an der Realisierung gemeinsamer Ziele und bieten LiteraturInteressierten eine einmalige Chance, Hauptmanns Leben und Werk neu zu entdecken. Die Hauptmann-Museen vermarkten sich auch touristisch gemeinsam: Reiseführer, Faltblätter und Bücher erscheinen zweisprachig: in Deutsch und Polnisch.

Lioba Knipping / 06.08.11 / TLZ

Verwunderte Welt (Online)   1 comment

Es ist ja sehr angenehm, solche Beiträge über die Heimat zu Lesen, auch wenn meines Erachtens der Autor (Herr Gerhard Gnauck) an manchen Stellen etwas (bis maßlos) übertreibt. Und trotzdem: für mich eine wohltuende Lektüre:

Das polnische Wunder (Welt.Online vom 19.11.2010)

Polens Premierminister Donald Tusk hat in dieser Woche ein paar bemerkenswerte Sätze gesagt. „Polens Straßen waren jahrzehntelang ein Symbol dessen, was uns misslungen war.“ Den Namen seines Landes habe man früher mit „Unordnung, Armut und Unfähigkeit“ assoziiert. Tusk hätte noch weiter ausholen können: „Polnische Wirtschaft“ und „polnischer Reichstag“ waren – zumindest in älteren deutschen Wörterbüchern – Synonyme für Misswirtschaft und Anarchie.

Und jetzt das: Der Regierungschef eines Landes, das sich in den letzten Jahrhunderten in der Verlierer- und Opferrolle fast schon auf Dauer eingerichtet hatte, stellt sich hin und verkündet, was in den letzten drei Jahren geleistet wurde. 6000 Kilometer Straßen sollten in seiner Amtszeit gebaut oder renoviert werden; kein schlechter Plan, sagt Tusk, doch inzwischen peile man bereits 8000 an. Dazu 180 Kilometer neue Autobahn – für ein Land fast ohne Autobahnen zwar bescheiden, aber immerhin ein Anfang. 44 Bahnhöfe würden gerade modernisiert, nicht zu reden von den Provinzflughäfen – hier lobte Tusk besonders das ostpolnische Rzeszow, das inzwischen eine Direktverbindung nach New York hat.

Damit nicht genug. Im Jahre 2006 hätten nur 40 Prozent der Kleinsten einen Kindergartenplatz gehabt, inzwischen seien 125 000 Plätze neu entstanden, und in zwei Jahren werde man bei 80 Prozent sein. „Praktisch jeden Tag“ entstehe irgendwo in der Provinz eine neue Sportanlage für Kinder und Jugendliche. Auch das staatliche Gesundheitswesen – bisher ein wunder Punkt – werde hoffentlich eines Tages „auf europäischem Niveau“ sein. Immerhin: Der Premier zählte zu den Erfolgen, dass Polen dem Druck einer „globalen Lobby“ (er meinte die Pharmakonzerne) standgehalten, als einziges Land der Welt keinen Schweinegrippe-Impfstoff gekauft und am Ende damit recht behalten habe. Und so weiter und so fort: Abschaffung der Wehrpflicht, Abzug aus dem Irak, begonnener Bau des Flüssiggasterminals, Planung des ersten Kernkraftwerks, erfolgreiche Privatisierungspolitik, gute Absorption der EU-Fördergelder. Auch die unerwarteten Probleme der letzten zwei Jahre habe das Land überstanden: die Finanzkrise, die Hochwasserkatastrophe im Sommer, deren Schäden 0,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmachten, und den Absturz des Regierungsflugzeugs im Frühjahr. „Die polnische Demokratie, der Staat, die Bürger haben ihre Prüfung bestanden.“Das alles riecht ein wenig nach Wahlkampf und darf es auch. Am Sonntag werden die Stadt- und Gemeinderäte, Bürgermeister und Regionalparlamente (Sejmiks) neu gewählt. Sind Überraschungen zu erwarten? Eigentlich nur eine: Die meisten Stadtväter und -mütter können, vor allem in den Großstädten, mit ihrer Wiederwahl rechnen. Polens Städte und Regionen haben, nicht zuletzt dank des EU-Beitritts, finanziell und psychologisch einen kräftigen Schub erfahren. Tusk präsentierte sich bei seinem Vortrag vor einer Wand voller Fotos, die sämtlich polnische Baustellen zeigten. Ob alle diese Vorhaben konkret seiner Regierung gutzuschreiben sind, darüber lässt sich streiten, doch eines ist unumstritten: Durch Polen ist ein Ruck gegangen, das Land schreitet mit Siebenmeilenstiefeln voran.

Dabei zeigte der Regierungschef auch Demut: Nicht seine Mannschaft habe diese Chancen, „wie sie sich in tausend Jahren nur einmal bieten“, geschaffen. Aber sie wolle sie nützen. Das Fenster der Gelegenheit sei schmal: Polen müsse einen „Weg der Mitte“ gehen zwischen notwendigen Ausgabenbeschränkungen einerseits und einer dynamischen Investitionspolitik andererseits, „ohne in die Verschuldungsspirale zu geraten, in der mehr als die Hälfte der EU-Staaten jetzt steckt“. Und das Fenster könne sich schnell wieder schließen. Jeder weiß in Warschau: Wenn die politischen Fehlleistungen der einen und die nationalen Egoismen der anderen in der EU sich weiter fortsetzen, könnte Polen in die Rolle des weinenden Dritten geraten. Der Strom der EU-Mittel könnte eines Tages sehr viel dünner werden.Bundeskanzlerin Angela Merkel wirbt dieser Tage mit einer Anzeige: Kein Land habe die Krise so gut überstanden wie Deutschland. Mit Verlaub: Diesmal haben die gern unterschätzten Nachbarn im Osten die Nase vorn.

„Europa einholen“ gab Tusk in seiner Rede als Ziel vor. Kein Scherz: Polen ist auf dem besten Wege dorthin.

Veröffentlicht 20/11/2010 von krkonos in Deutsche und Polen, Politik

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Zweisprachige Ortsschilder in Oppelner Schlesien   Leave a comment

Zweisprachige Ortschilder oder Wegweiser gibt es auf der ganzen Welt. Sie werden für Touristen aufgestellt oder dienen der Orientierung im Verkehr. Die Besonderheit von zweisprachigen Ortschildern in Oppelner Schlesien besteht aber darin, dass sie für die Bewahrung der Erinnerung an  das Vergangene, das friedliche Zusammenleben sowie eine gelungene Zusammenarbeit zwischen Polen und Deutschen heute stehen wollen. Ziel eines Geschichtsunterrichts, der dieses Thema behandelt, sollte sein, den Schülern die Komplexität dieser Art der Erinnerungskultur auf verständliche Weise näherzubringen. Die Region Oppelner Schlesien ist hierfür geeignet, da hier der Einfluss der  polnischen, deutschen und tschechischen Kultur beobachtet werden kann. Von hier sind Deutsche vertrieben worden und hier kamen Polen die aus ihrer Heimat vertrieben wurden.
Die Woiwodschaft Opole, auch Oppelner Schlesien genannt, liegt im südwestlichen Polen und hat derzeit über eine Million Einwohner. Im Laufe der Geschichte wechselte dieses Gebiet zwischen Fürsten, die sich jeweils dem tschechischen, dem polnischen und dem brandenburgisch-preußischen Königshaus verpflichtet fühlten. Unmittelbar vor dem Zweiten Weltkrieg war diese Region, damals Oberschlesien, Teil des Deutschen Reiches. Im Gegensatz zum früheren deutschen Niederschlesien erkannte die neue polnische Verwaltung nach der Machübernahme 1945 einen Teil der Einwohner als Personen mit slawischer Herkunft an, die zwar deutsch sprachen, die aber „degermanisiert“ werden könnten. Dies hatte zur Folge, dass der Bevölkerungstransfer flexibler gestaltet und die deutsche Kultur zwar nicht anerkannt, aber immerhin versteckt weiter erhalten werden konnte.
Nach der Wende 1989 zeigte sich die  Besonderheit der Region. Die deutsche Minderheit begann sich zu organisieren und wurde 1991 offiziell als Sozial-Kulturelle Gesellschaft der Deutschen im Oppelner  Schlesien eingetragen. Ihre Tätigkeit konzentriert sich vor allem auf Kultur- und Bildungsinitiativen. Einen erheblichen Teil der Aktivität stellt auch die Politik dar. Seit 1991 stellt das Wahlkomitee Deutsche Minderheit Kandidaten für Wahlen auf allen Ebenen auf. Sie ist von den Gemeinderäten über Kreisräte, dem Sejmik (Lokalparlament) der Woiwodschaft Oppeln, bis zum polnischen Sejm vertreten. Die Besonderheit der Region besteht auch darin, dass sich, nach der letzten Volkszählung 2002, zehn Prozent der Einwohner als Deutsche bezeichnen. Die Deutschen sind aber sehr gut in die polnische Gesellschaft integriert, alle sprechen polnisch und es gibt nur wenig sichtbare Unterschiede im gesellschaftlichen Leben. Konflikte die auftreten, z.B. über deutsche Denkmäler und zweisprachige Ortsschilder, sind historisch verankert, haben aber auch eine Lernfunktion. Zum einen – wie  man das Zusammenleben zweier Bevölkerungsgruppen managt und zum anderen – was man aus der Vergangenheit lernen kann um die Menschen vor künftigen Fehlern zu bewahren. Dieser zweiten Fragestellung wollen wir in diesem Beitrag am Beispiel der polnisch-deutschen Ortsschilder im Oppelner Schlesien nachgehen. Ursachen für die Initiative sind in einer Evolution der regionalen Identität zu suchen. Das Ende des Kommunismus in Polen löste in der autochthonen und der deutschstämmigen Bevölkerung einen Befreiungsdrang aus, der sich gegen eine einheitliche polnische Kultur wandte, die seit 1945 von den Staatsorganen demonstriert wurde. Hier ist die Ursache für den Erfolg der Deutschen Minderheit bei den Wahlen 1991 zu sehen. Damals stellte das Komitee drei von zehn Sejmabgeordneten aus der Woiwodschaft,  spätere Wahlen veranschaulichten jedoch, dass die politische Trennlinie landesweit entlang der traditionellen politischen Parteienszene verläuft, die deutsche Minderheit aber auf  lokaler und regionaler Ebene weiterhin sehr stark vertreten ist. Das Zusammengehörigkeitsgefühl von polnischen und deutschen Einwohnern wurde 1998 unter Beweis gestellt als die damalige polnische Regierung eine Verwaltungsreform durchführen wollte in der die Woiwodschaft Oppeln abgeschafft werden sollte. Die friedlichen Bürgerproteste, die ihren Höhepunkt in der Bildung von Menschenketten entlang der Hauptstraßen der Woiwodschaft hatten, erreichten ihr Ziel und die Woiwodschaft hatte sich ihre Eigenständigkeit bewahrt. Darüberhinaus veranschaulichte das Volkszählungsergebnis von 2002, dass  die deutsche Minderheit mit einem Bevölkerungsanteil von zehn Prozent, ein fester Bestandteil dieser Gemeinschaft ist und ein Recht auf die Wahrung ihrer Tradition und Erinnerung hat.  Günstige Bedingungen für zweisprachige Ortsnamen wurden auch von der polnischen Regierung, die seit 2001  im Amt war, geschaffen. Die 1998 verabschiedete Europäische Konvention für den Schutz von Minderheiten trat ebenfalls 2001 in Polen  in Kraft. Die neue Mittelinksregierung von der postkommunistischen SLD und der bäuerlichen PSL die die Beitrittsverhandlungen zur Europäischen Union vorantreiben wollte entschloss sich, so viel EU-Recht wie möglich in polnisches Recht umzusetzen. Die Arbeiten an einem Minderheitengesetz, die seit  1994 im Sejm andauerten, trafen jetzt auf fruchtbaren Boden.  Eine Einführung von zweisprachigen Ortschildern hatte auch Gegner, die ihre Argumente öffentlich vortrugen. Einige Bedenken waren  weltanschaulicher Natur, wie z.B. die Angst vor einer Negation des polnischen Anspruchs auf die nach 1945 von Deutschland abgetrennten Gebiete und einen Separatismus seitens der deutschen Minderheit. Ein weiteres Argument ähnlicher Stoßrichtung, wonach es kein Bedarf für solche Schilder gäbe wurde damit gestützt, dass in Polen alle Bürger polnisch sprechen und solche Initiativen zur Spaltung der Gesellschaft führen könnten. Hier ist die Rückkehr zu der Idee eines Nationalstaates und seiner Interessenslogik zu erkennen, in dem es keine Minderheiten gibt, wie sie nach dem Zweiten Weltkrieg von den Kommunisten realisiert worden war und die jetzt von der rechten politischen Seite vorgetragen wurde. Die Gegner der zweisprachigen Ortsschilder trugen auch rechtliche Argumente vor. Sie meinten, die Europäische Konvention für den Schutz von Minderheiten sei schon für Polen verbindlich und müsse nicht noch durch ein Gesetz umgesetzt werden. Ein weiteres Gegenargument war die Tatsache, dass eine polnische Minderheit in Deutschland nicht anerkannt ist und das Gegenseitigkeitsprinzip, eine der Säulen des Völkerrechts, nicht gegeben sei, weshalb weitergehende Privilegien für Deutsche in Polen nicht vertretbar seien.
Trotz dieser Bedenken schloss das polnische Parlament die Arbeiten an dem Gesetz über die nationalen und ethnischen Minderheiten und der Regionalsprache Ende des Jahres 2004 ab und nahm das Gesetz im Januar 2005 an. Es listete die nationalen und ethnischen Minderheiten auf und gestand  ihnen die Möglichkeit ein, unter bestimmten Voraussetzungen, ihre Sprache u.a. in ihrem Gemeindeamt zu benutzen und Ortsnamen in ihrer Sprache einzuführen. Die Sprache einer Minderheit kann als Hilfssprache in der Gemeinde eingeführt werden, wenn nach der letzten Volkszählung mindestens 20 Prozent der Einwohner dieser Minderheit angehören und der Gemeinderat dieses beim Innenminister beantragt. Das Gesetz erlaubt auch die Einführung von zweisprachigen Ortsnamen in der Gemeinde. Dies geschieht auf Antrag des Gemeinderates, wenn 20 Prozent oder mehr der Gemeindeeinwohner einer Minderheit angehören oder über 50 Prozent einer Ortschaft sich in einer Bürgerbefragung dafür ausgesprochen haben. In diesem Verfahren müssen die Ortsnamen noch durch die staatliche Kommission für Ortsnamen bestätigt werden.
Die Namensgebung darf nicht an die Ortsnamen, die zwischen 1933 und 1945 gegeben wurden, anknüpfen. Die Aufstellung  der zweisprachigen Ortsschilder ist dann noch ist dann noch eine Zeitfrage,  denn sie ist von den dafür vorhandenen Mitteln im Innenministerium abhängig.
Die ersten zweisprachigen, polnisch-deutschen Ortschilder in der Woiwodschaft Oppeln sind am 12. September 2008 in der Gemeinde Radłów / Radlau aufgestellt worden und wurden von einer breiten Öffentlichkeit verfolgt. Diese Gemeinde besteht mehrheitlich aus Einwohnern, die der deutschen Minderheit angehöhren und in allen Ortschaften wurden erfolgreiche Bürgerbefragungen durchgeführt. Der gewählte Bürgermeister ist ein Pole, der sich die Aufstellung der Schilder zum Ziel gesetzt hat um aufzuzeigen, dass Polen und Deutsche friedlich zusammenleben und zusammenarbeiten können.  Ein Zeichen für das Durchsetzungsvermögen einer Gemeinde setzte dagegen Tarnów Opolski / Tarnau, das sich weigerte Bürgerbefragungen durchzuführen und darauf bestand, dass nur die Prozentzahl  einer Minderheit nach der Volkszählung und ein Antrag des Gemeinderats ausreiche um solche Schilder  aufzustellen. Die Staatsorgane waren zunächst der  Überzeugung, dass darüberhinaus Bürgerbefragungen nötig seien, die Gemeinde bekam dann aber recht und wies anderen Gemeinden, die Bedenken gegen die Organisation von Bürgerbefragungen hatten, den Weg. Vor dieser Entscheidung wirkte die Bürgerbefragung für viele Gemeinden abschreckend, denn sie fürchteten, diese könnten zu Konflikten zwischen den polnischen und deutschen Einwohnern führen.  Nach dem heutigen Stand der Dinge sind  27. Gemeinden als zweisprachige registriert, haben also mindestens 20. Prozent Einwohner die sich als Deutsche bezeichnen. Zweisprachige Ortschilder stehen in 197 Orten in 15. Gemeinden der Woiwodschaft Oppeln. Die Reaktion der  Einwohner in den Ortschaften in denen diese Schilder aufgestellt worden waren reichte von Euphorie bis zur Verneinung, es dominierte aber leise Zustimmung, heftige Proteste gab es nicht. Eine Spaltung der Gesellschaft haben sie nicht hervorgerufen, es kommt lediglich zu Zwischenfällen, die im Wesentlichen darauf beruhen, den deutschen Ortsnamen mit schwarzer oder roter Farbe zu übermalen. Die verantwortlichen Organe gehen meistens von Vandalismus aus und bringen diese Delikte nicht mit Volksverhetzung in Verbindung. Auch die Bürgermeister teilen diese Meinung und hoffen, dass sich dieses Problem mit der Zeit lösen wird.
Um den Schülern den universellen Wert zu vermitteln, dass man aus der Geschichte lernen muss, damit sich diese nicht wiederholt – insbesondere beim Thema Krieg und Vertreibung – sollte die materielle Geschichtskultur anhand eines anschaulichen Beispiels näher gebracht werden. Es ist daher vorteilhaft eine Diskussion anzuregen, die mit einer Einführung über eine lebende Erinnerungskultur am Beispiel der zweisprachigen Ortsschilder beginnt, die  sich dann mit Mechanismen des Krieges und den damit verbundenen Folgen auseinandersetzt. Beachtenswert ist dazu eine Gegenüberstellung von historisch bedingten Schildern auf der einen und andersmotivierten Schildern um die Schüller die Unterschiede aufgreifen zu lassen. Anschließend sollten die Schüller ein Fazit ziehen und die Gründe dafür nennen, ob zweisprachige Ortschilder kontrovers  sein können und woraus die geschichtlich verankerte Komplexität dieses Themas besteht.

Paweł Kampa, Universität Opole

Veröffentlicht 24/05/2010 von krkonos in Deutsche und Polen

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Thierse: Auch ich bin in Breslau geboren   1 comment

Das Schicksal der Vertreibung ist ins kollektive Gedächtnis der Deutschen übergegangen. Aber es ist nicht mehr Angelegenheit der Vertriebenen allein, sondern der ganzen Republik

Hört der Streit denn niemals auf? Ist auch die Geschichte von Flucht und Vertreibung eine Vergangenheit, die nicht vergehen will? 60, 70 Jahre ist das alles her: die Jahre des Krieges, von Vertreibung und Flucht; die bitteren, opferreichen Erlebnisse vieler Menschen, vor allem von Alten, von Müttern, von Kindern; die Erfahrung schmerzlichsten Verlusts – von Familienangehörigen, von Eigentum, von Heimat; die Tage und Wochen, manchmal Monate und Jahre des Hin und Her, des Bedrohtseins, der Unsicherheit und Angst, des Kampfes ums schiere Überleben, ohne gewisses Ziel; die Ankunft in fremder, kalter Heimat, der unfreundliche Empfang.
Das Leid der Vertriebenen kenne ich – im Gegensatz zu vielen anderen – aus eigener Erfahrung: Ich bin in Breslau geboren, meine gesamte Familie, mütterlicherseits wie väterlicherseits, hat in Schlesien gelebt und ist vertrieben worden. Der größere Teil meiner Familie fand sich im Westen Deutschlands wieder, der kleinere blieb im Osten Deutschlands hängen. Ich bin mit der trauernden Erinnerung an die verlorene Heimat aufgewachsen. Diese trauernde Erinnerung fand aber nur einen Platz im engsten Kreis der Familie oder der Kirchengemeinde. Öffentlich durfte sie nicht werden, denn offiziell gab es uns Flüchtlinge und Vertriebene in der DDR gar nicht. Stattdessen war euphemistisch von „Umsiedlern“, schon ab 1950 von „ehemaligen Umsiedlern“ oder „Neubürgern“ die Rede. Dabei machten die Vertriebenen bei Gründung der DDR mit vier Millionen Menschen noch mehr als ein Fünftel der Bevölkerung aus. Aber sie hatten zu schweigen!
Ich weiß also, was es heißt, wenn vom Leid der Vertriebenen die Rede ist – dem doppelten Leid des schmerzlichen Verlustes der Heimat einerseits und andererseits dem Leid des Schweigenmüssens, der Unterdrückung und Verdrängung, das krank machen kann.
Im Westen Deutschlands verlief die Geschichte der Flüchtlinge und Vertriebenen durchaus anders als in der DDR. Die Bundesrepublik hat eine große, wahrlich historische Leistung erbracht: die Integration von weit mehr als zehn Millionen Menschen! An dieser Leistung hatten die Vertriebenen selbst den größten Anteil – durch ihren Fleiß, ihre Integrationsbereitschaft, ihr politisches Engagement und auch ihre Organisationskraft: Die Vertriebenenverbände hatten erheblichen Einfluss, zunächst über eine eigene Partei (den BHE), dann in den demokratischen Parteien, die die Bundesrepublik seit 1949 prägten. Das Lastenausgleichsgesetz von 1952 und das Bundesvertriebenengesetz von 1953 waren wichtige Ergebnisse ihrer Aktivitäten und zugleich wirkungsvolle Instrumente der Integration. So wurden die Flüchtlinge und Vertriebenen Akteure und Teilhaber am wirtschaftlichen, sozialen und politischen Erfolg der Bundesrepublik. Die Pflege der Erinnerung an die verlorene Heimat und deren Kultur war ein ganz selbstverständlicher Teil davon. Zahlreiche Heimatmuseen, Ausstellungen und circa 1400 Denkmäler entstanden, die an den historischen deutschen Osten erinnern, der Opfer von Flucht und Vertreibung gedenken oder der Integration gewidmet sind. Das Schicksal der Flüchtlinge und Vertriebenen ist in den vergangenen sechs Jahrzehnten immer wieder Gegenstand von historischer Dokumentation und künstlerischer Aufarbeitung in Büchern, in Filmen, im Fernsehen gewesen.
Man wird also nicht behaupten dürfen, dass die Vertriebenen in der Erinnerungskultur der (West-)Deutschen jahrzehntelang nicht genügend vertreten gewesen seien (diesen Vorwurf erhebt Manfred Kittel, der erste Direktor der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung). Allerdings gab es einen unübersehbaren Rückgang des öffentlichen Einflusses der Vertriebenenverbände in den 70er-Jahren, der vor allem ihrer Gegnerschaft zu den Ostverträgen der sozialliberalen Koalition geschuldet war, die vielfach als Ablehnung einer Aussöhnung mit Polen und unseren anderen östlichen Nachbarn verstanden wurde. Eine Mehrheit der Deutschen, vor allem der jüngeren Generationen, war entschieden für die Ost- und Entspannungspolitik der Regierungen Brandt und Schmidt. Der Konflikt hatte Folgen: Er vermehrte den Unwillen, sich des Leides der Vertreibungen zu erinnern, den Opfern Aufmerksamkeit und Respekt zu widmen.
Inzwischen sind wir in einer anderen Situation. Die deutsche Einheit und die Einigung Europas haben die Chance eröffnet, über das schmerzliche Thema von Flucht und Vertreibung auf neue Weise zu sprechen – ohne Misstrauen, ohne Angst vor Revanchismus und Revisionismus. Die europäischen Grundfragen der Vergangenheit, die Grenzfragen vor allem, sind geklärt; die europäischen Völker, die Deutschen und Polen darin, haben sich zu Frieden und Solidarität miteinander verpflichtet. Das schließt den kritischen und selbstkritischen, den wahrhaftigen Blick auf die Vergangenheit ein, besonders auch den Blick auf die bitterböse Geschichte der Deutschen mit ihren polnischen Nachbarn. Eine gemeinsame Aufgabe.
In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat in Deutschland das Interesse für diesen Teil unserer Geschichte wieder zugenommen. Wir erleben einen Gezeitenwechsel: Die Erinnerung an nationalsozialistische Diktatur und Verbrechen, an Holocaust und Zweiten Weltkrieg, an Flucht und Vertreibung wechselt (endgültig) von den Zeitzeugen, von der „Erlebnisgeneration“, von der persönlichen und familiären Erinnerung ins kollektive Gedächtnis, das vergegenständlicht ist in Museen, in Gedenkstätten, in Historiografie, in den Werken der Kunst, in den medialen Archiven. Das ist mehr als ein Formenwechsel, denn dieser Vorgang ist von Erinnerungsverlusten und also auch von Verlustängsten begleitet. Und in ihm verschärft sich noch einmal der Streit über die Bedeutung von Geschichte, er ist unweigerlich von Erinnerungspolitik imprägniert. So hat der Deutsche Bundestag in den letzten Jahren drei wichtige geschichtspolitische Entscheidungen getroffen: zum Holocaust-Mahnmal, zur Formulierung und Novellierung einer Denkmalskonzeption für das geeinigte Deutschland und zu einem Denkmal für Freiheit und Einheit.
Nach der Initiative des Bundes der Vertriebenen von 1999 ist mit einem Bundestagsbeschluss von 2002, mit der Koalitionsvereinbarung über das „Sichtbare Zeichen“ von 2005 und mit der Konzeption für die Stiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ von 2008 – an allen habe ich maßgeblich mitgewirkt – die Erinnerung an diesen Teil unserer Geschichte in ein neues Stadium getreten: Sie wird zum Gegenstand „offizieller“ Geschichtspolitik, wird Angelegenheit der ganzen Republik, dessen Parlament sie zu seiner Sache gemacht hat. Sie ist nicht mehr „Eigentum“ der professionellen Vertriebenen, des BdV, wird dessen ideeller und moralischer Verwaltung entzogen, deren alleinige Zuständigkeit entfällt. (Ist das die Ursache dafür, dass der BdV und Erika Steinbach ihren Erfolg nicht begreifen können und das Projekt misstrauisch-eifernd nicht nur befördern, sondern möglichst kontrollierend beeinflussen wollen?)
Dabei ist längst nicht (mehr) alles umstritten. Tatsache ist, rund 15 Millionen Deutsche sind aus dem östlichen Europa geflohen oder vertrieben worden. Ihnen ist großes Leid zugefügt worden. Vertreibungen verstoßen gegen elementare Menschen- und Völkerrechte, sind also Unrecht. Der Wunsch ist nicht nur legitim, dass die Erinnerung die Generation der Vertriebenen überlebt; er ist auch selbstverständlich, denn das Leid der Vertriebenen kann nicht aus der Welt geschafft werden. Tatsache ist auch: Dieses deutsche Drama hatte seine Vorgeschichte. Zu dieser Vorgeschichte gehört der alte Irrglaube von einer „deutschen Mission im Osten“, dazu gehört die aggressive „Lebensraum“-Politik der Nationalsozialisten, dazu gehören der Hitler-Stalin-Pakt, der Überfall auf Polen, der mörderische Krieg, und dazu gehört der Antisemitismus, der in furchtbarer Konsequenz in die planmäßige Ermordung von mehr als sechs Millionen Juden mündete. Man kann und darf nicht über Vertreibung reden, ohne auch ihre Ursache in den Blick zu nehmen: Ohne Hitlers Rassismus keine Vertreibungen, kein 1945 ohne 1933, wie es Richard von Weizsäcker in seiner berühmtesten Rede formuliert hatte. Die Frage, ob und in welchem Maße sich auch die Deutschen als Opfer des Weltkrieges fühlen dürfen, ist falsch gestellt. 60 Jahre danach sollten wir vielmehr fähig sein, den Opfern der Vertreibungen (und zum Beispiel den Opfern der Bombennächte) dadurch gerecht zu werden, dass wir daran erinnern: Sie alle wären ohne die verbrecherische deutsche Kriegspolitik nicht zu Opfern geworden!
Man spricht vom 20. Jahrhundert als dem Jahrhundert des Völkermords und der Vertreibungen: Insgesamt 50 bis 70 Millionen Menschen sind durch Vertreibungen, Zwangsumsiedlungen und Deportationen aufgrund ihrer ethnischen Herkunft, ihres nationalen Bekenntnisses oder ihrer Religion in ihren grundlegenden Menschenrechten verletzt worden. Aber solcherart Zusammenschau darf nicht Unterschiede verwischen! Gestritten, debattiert werden muss über die Genauigkeit der Begriffe, über Ursachen, Kontexte und Folgen von Vertreibungen. Jeder, wirklich jeder Anschein muss vermieden werden, dass wir Deutschen geschichtliche Wahrheiten umdeuten, deutsche Täterschaften relativieren und uns zu einem „Opfervolk“ umstilisieren wollen. Schon ein derartiger Verdacht wäre fatal. Denn der Kern des Projekts „Sichtbares Zeichen“ war und muss bleiben: durch Aufklärung über geschichtliche Wahrheiten zu Frieden und Versöhnung zwischen unseren Nachbarn und uns Deutschen beizutragen. Deshalb kann und darf dieses Vorhaben nicht gegen unsere Nachbarn, vor allem nicht gegen Polen verwirklicht werden.
Das Projekt kann nur gelingen, wenn es nicht nur ein nationales, sondern ein nachbarschaftlich-europäisches Projekt wird! Nachdem der zähe Streit über Erika Steinbach dem Projekt geschadet hat, nachdem zwei Historiker aus Polen und Tschechien den wissenschaftlichen Beirat verlassen haben, muss jetzt verlorenes Vertrauen wieder aufgebaut, muss der Stillstand beendet und die Krise des Projekts überwunden werden. Was ist zu tun? Die Novellierung des Stiftungsgesetzes und die Besetzung des Stiftungsrates müssen genutzt werden, um Vertrauen wiederherzustellen – auch um dem Eindruck entgegenzutreten, die Stiftung könnte ein verlängerter Arm des BdV werden. Es ist doch überlegenswert, ausländische Experten auch in den zu Entscheidungen befugten Stiftungsrat zu berufen. Wir brauchen dringend und endlich einen diskutierbaren und diskussionswürdigen Entwurf einer Ausstellungskonzeption. Im Herbst 2008, also vor eineinhalb Jahren, ist das Stiftungsgesetz verabschiedet worden. Seitdem gibt es keine Fortschritte. Es sind viele Fragen offen: Was soll dargestellt werden, worauf soll sich die Ausstellung konzentrieren? Wie viel „Deutsche Siedlungsgeschichte im Osten“, wie viel „deutsche Tätergeschichte“ und wie viel „deutsche Opfergeschichten“? Wie viel Erfolgsgeschichte der Integration der deutschen Vertriebenen nach 1945? Wie viel kritische Geschichte des BdV? Worin soll die Ausstellung sich von anderen bisherigen Ausstellungen zum Thema unterscheiden? Welches Wissen soll sie vermitteln? Welche Art Betroffenheit und Empathie mit wem?
Solange so viel ungeklärt ist, so lange sind das Projekt und die Stiftung nicht frei von Verdacht. Das darf nicht so bleiben! Deshalb bleibt die Zusammenarbeit mit dem „Europäischen Netzwerk Erinnerung und Solidarität“ wichtig und muss endlich aktiv in das Stiftungsprojekt einbezogen werden.
Erinnerungs- und Gedenkprojekte brauchen – in Deutschland gewiss – einen langen Atem. Beim Holocaust-Mahnmal und bei der Dauerausstellung des Deutschen Historischen Museums in Berlin dauerten Streit und Debatte 20 Jahre. Das hat nicht geschadet, im Gegenteil. Auch das Projekt „Sichtbares Zeichen“ verdient intensive Diskussion – offen und gemeinsam mit unseren Nachbarn. Denn die deutsche Geschichte gehört nicht nur uns Deutschen, sondern ist eine europäische Angelegenheit – und das ist gut so.

Der Autor (SPD) ist Vizepräsident des Deutschen Bundestages

Quelle: Die WELT

Veröffentlicht 17/05/2010 von krkonos in Deutsche und Polen, Politik

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Über Frau Steinbach zum Letzten (hoffentlich)   1 comment

Diesmal mit den Worten aus SPIEGEL ONLINE und mit der Feder von Henryk M. Broder – hoffentlich ein letzter Beitrag hier zum Thema Steinbachsche Anschauung der Vertriebenenfrage.

Die Vertriebenen werden auf ihren Opferstatus nicht verzichten, und die Politik möchte sie einbinden, um peinliche Alleingänge zu verhindern. Dabei sind die Deutschen längst weiter: Sie träumen vom Häuschen im Süden, nicht von der Herrschaft über Pommern.

Die toten Juden haben schon ein Mahnmal. Ebenso die Homosexuellen, die im „Dritten Reich“ verfolgt wurden. Auch der Opfer der Euthanasie wird öffentlich gedacht. Jetzt sind mal wieder die Vertriebenen an der Reihe.
Jahre dauert schon der Streit um das von der Präsidentin des Bundes der Vertriebenen betriebene Projekt, nun ist er wieder eskaliert, nachdem der neue deutsche Außenminister den Polen quasi sein Wort gegeben hat, dass Frau Steinbach dem Stiftungsrat der geplanten Bundesstiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ nicht angehören wird. Sie wiederum wäre bereit, auf den Sitz zu verzichten, wenn dem Bund der Vertriebenen dafür mehr Einfluss, das heißt: mehr Sitze in dem Gremium zugestanden würden.
Das Ganze hört sich nicht nur wie eine Posse aus der Provinz an, es ist eine. Während der Außenminister auf dem Dreikönigstreffen seiner Partei eine „geistig-politische Wende“ einfordert und die Aufmerksamkeit auf die „langen Linien“ der Politik verlagern will, führt er sich auf wie ein Hausmeister, der darauf achtet, dass auf dem Schulklo nicht geraucht wird.
Der Konflikt um den zu besetzenden Stiftungsrat hat eine historische und eine hysterische Komponente.

Geschichte vom Anfang her erzählen
Niemand bestreitet, dass zwölf Millionen Deutsche aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten vertrieben wurden. Im Gegenteil: Alle paar Jahre wird dieses Tabu aufs Neue gebrochen. Entweder durch Günter Grass, der die „Wilhelm Gustloff“ wieder in See stechen lässt, oder durch Maria Furtwängler, die in einem Fernsehfilm eine deutsche Vertriebene spielt.
Der Streit geht nur darum, wie man die Geschichte erzählen soll: Vom Anfang oder vom Ende her? Beginnt man mit dem Ende, also mit der Vertreibung der Deutschen, könnte der Anfang im Dunst der Geschichte verschwinden, dass nämlich die Deutschen in Richtung Osten marschiert sind, bevor sich die Rote Armee auf den Weg nach Berlin machte. Erzählt man die Geschichte chronologisch, dann ist die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten nur das letzte Kapitel eines blutigen historischen Dramas, sozusagen die unvermeidliche Konsequenz der nationalsozialistischen Raserei. In dem einen Fall wären die Vertriebenen die unschuldigen Opfer der Geschichte, im anderen unfreiwillige Mittäter, die kollektiv abgestraft wurden.
Man kann die eine oder die andere Position vertreten, ohne gleich in den Verdacht zu geraten, ein Relativierer oder Revanchist zu sein. Man könnte auch sagen: Wer einen Krieg anfängt und ihn verliert, der zahlt die Zeche, basta.
Aber darum geht es nicht. Die historische Komponente ist geklärt, die hysterische dagegen nimmt an Intensität zu – wie bei Michael Endes Scheinriese, der umso größer wird, je weiter man sich von ihm entfernt. Worum es geht, ist nicht die Last der Geschichte, sondern die Lust am Symbolischen.
Die Israelis zum Beispiel fahren sehr gern Mercedes und Volkswagen, ohne sich die Freude an der Klimaanlage und der Servolenkung von der Erinnerung an die Rolle der deutschen Autobauer im „Dritten Reich“ verderben zu lassen. Aber wenn Daniel Barenboim oder Zubin Mehta ein Stück von Richard Wagner in Tel Aviv spielen möchten, dann holen die letzten Überlebenden der Endlösung ihre KZ-Uniformen vom Dachboden und nehmen vor der deutschen Botschaft Aufstellung. Und das ganze Land diskutiert darüber, ob Hitler ohne Wagner möglich gewesen wäre.

Träume einer aussterbenden Generation
Auch die Polen haben den Deutschen längst vergeben und verziehen. Wie problemlos das deutsch-polnische Verhältnis ist, kann man am besten in Grenzorten wie Görlitz/Zgorzelec erleben. Von Revanchismus keine Spur, eingekauft wird dort, wo es gerade billiger ist. Aber ebenso wie die Israelis brauchen auch die Polen einen Spielplatz der Gefühle, auf dem sie Anstand und Widerstand üben können.
Frau Steinbach kommt da wie gerufen. Sie heißt Erika mit Vornamen, ist groß und blond und hat einen kräftigen Händedruck – der Prototyp der deutschen Domina im Comic-Strip der polnischen Erinnerungen. Wäre sie so nett und rundlich wie Mutter Beimer, hätten die Polen Frau Steinbach längst verziehen, dass sie 1991 gegen die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze gestimmt hat.
Freilich, auch auf der deutschen Seite gibt es eine unterschwellige Agenda. Niemand hindert den Bund der Vertriebenen daran, Orte des Gedenkens für die vertriebenen Deutschen zu errichten, ein Mahnmal, ein Museum – was immer sie möchten. Aber das ist dem Bund der Vertriebenen nicht genug. Sie schauen neidisch zum Holocaust-Mahnmal hinüber und denken: So was wollen wir auch! Zwölf Millionen deutsche Vertriebene gegen sechs Millionen ermordete Juden.
Und weil der Bau des Holocaust-Mahnmals vom Bundestag beschlossen und von der Bundesregierung mitgetragen wurde, wollen sich die Vertriebenen mit weniger nicht zufrieden geben. Deswegen kommt eine Verbandslösung nicht in Frage. Lieber warten die Vertriebenen ab, bis sie ausgestorben sind, als dass sie auf die staatliche Anerkennung als Opfer verzichten. Die Bundesregierung ihrerseits mag die Kontrolle über das Projekt nicht aufgeben, sie will die Vertriebenen einbinden, um peinliche Alleingänge zu verhindern.
Dabei sind die normalen Deutschen längst weiter. Sie kaufen Landhäuser in der Toskana, Fincas in Spanien und Weingüter in Südfrankreich. Der deutsche Grundbesitz im Ausland gleicht die territorialen Verluste infolge des Zweiten Weltkriegs aus. Ein eigener Platz an der Sonne ist den meisten Deutschen wichtiger, als in Pommern und Preußen ein paar deutsche Fähnchen aufzustellen.
Das wissen auch Frau Steinbach und die Vertriebenen. Sie wollen es nur nicht zugeben.

Veröffentlicht 10/01/2010 von krkonos in Deutsche und Polen, Politik

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Warum Guido Westerwelle Erika Steinbach stoppen muss   1 comment

Jörg Lau in „Zeit-Online“

In der deutschen Geschichtspolitik bahnt sich ein Durchbruch an. Und der unwahrscheinliche Initiator ist Guido Westerwelle, der neue Außenminister.
In seiner ersten Woche im Amt hat er nicht nur runde 20 000 Flugkilometer absolviert, ohne in einem einzigen Fettnäpfchen zu landen. Er hat auch gleich etwas richtig gemacht: Sein erster Besuch führte ihn nach Warschau  –  gemäß dem Wahlversprechen, er werde das Verhältnis zu unserem östlichen Nachbarn so vertrauensvoll gestalten wie das deutsch-französische längst schon ist. Die umstrittene Bundesstiftung zum Gedenken an die Vertreibungen sei ein Beitrag dazu, sagte der Minister in Warschau. »Wir werden alles unterlassen, was diesem Gedanken entgegensteht.»
Das heißt: Westerwelle ist dagegen, dass die Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen, die CDU-Abgeordnete Erika Steinbach, Mitglied im Beirat der Bundesstiftung werden kann. Wie recht der neue Außenminister damit hat, zeigte sich an Steinbachs unverschämter Reaktion. Sie warf ihm vor, »Vertrauen zu anderen Ländern durch Opfergaben zu Lasten eigener Bürger oder Organisationen erkaufen« zu wollen. Im Klartext: Frau Steinbach sieht den Außenminister ihrer eigenen Koalition als eine Art Landesverräter, weil der ihr nicht zutraut, den Posten satzungsgemäß auszufüllen.
Guido Westerwelle hat offenbar erkannt, dass es höchste Zeit ist, die deutsche Erinnerungskultur endlich aus der Geiselhaft dieser Frau zu befreien. Es sieht so aus, als würde er standhaft bleiben: Es sei verständlich, dass Steinbach in Polen auf Ablehnung stoße, weil sie 1990 gegen die Anerkennung der deutsch-polnischen Grenze gestimmt habe, konterte Westerwelle Steinbachs Attacke trocken.
In Wahrheit ist Frau Steinbach längst nicht nur den Polen, sondern auch vielen hierzulande schwer als Versöhnerin vermittelbar. Beim diesjährigen Pfingsttreffen ihres Vereins hat sie wieder einmal erklärt, die Vertriebenen seien für Hitler in »Kollektivhaftung« genommen worden. Sie wüssten darum »elementarer als andere«, dass Hitler »die Büchse der Pandora« geöffnet habe. »Elementarer« als die Polen, deren Land ausgelöscht werden sollte?
Dass Frau Steinbach ihre Klientel immer wieder in eine Konkurrenz um den Opfer­status rückt, ist auch vielen Vertriebenen und deren Nachkommen unerträglich. Denn es gibt zum Glück länger schon eine große Bereitschaft, sich mit den deutschen Opfern vorbehaltlos zu beschäftigen – auch in Polen, Tschechien und Ungarn. Die Europäisierung der Erinnerung an Flucht und Vertreibung hat begonnen, nicht zuletzt durch den persönlichen Einsatz vieler Vertriebener. Doch Erika Steinbach tut immer noch so, als müsse sie eine gefühlstaube Welt darüber belehren, dass auch Deutsche gelitten haben. Dass es ein innerer Widerspruch ist, selbstherrlich und schneidend aufzutreten, wenn man als Opfer anerkannt werden will, hat sie nie verstanden.
Anfang des Jahre sah es anders aus: Als die BdV-Präsidentin im März vorerst darauf zu verzichten schien, einen Sitz in der Stiftung anzustreben, ist ihr viel Respekt zuteil geworden. Endlich schien eine Deeskalation möglich: Man dachte, sie stelle die Verwirklichung des »sichtbaren Zeichens« zum Andenken an das Leid der Vertriebenen über ihr persönliches Interesse. Jetzt zeigt sich, dass dies nur Taktik war. Steinbach wusste, dass die Sozialdemokraten im Kabinett ihre Berufung verhindern würden. Sie hoffte, der kleinere Partner in der neuen schwarz-gelben Regierung werde sich fügen und ihr ins Amt helfen.
Da war es allerdings eine Torheit, dass sie beim Pfingststreffen Verständnis dafür zeigte, dass die Ostpolitik von den Vertriebenen als »Verrat« denunziert wurde. Neben Willy Brandt waren dafür nämlich auch Walter Scheel und sein Nachfolger Hans-Dietrich Genscher verantwortlich. Nun muss Frau Steinbach zur Kenntnis nehmen, dass der neue liberale Außenminister das Bekenntnis zur Entspannungspolitik ernst meint.
Wie ernst, wird sich an seiner Standfestigkeit in der Causa Steinbach zeigen. Von der Bundeskanzlerin kann er stille Unterstützung erwarten. Angela Merkel hat in ihrer Danziger Rede zum deutschen Überfall auf Polen klargestellt: »Kein Land hat so lange unter deutscher Besatzung gelitten wie Polen.« Sie stellte deutsches Leid in den Zusammenhang der »Verantwortung Deutschlands, die am Anfang von allem stand«. Solche Worte machen es den Polen leichter, des an Deutschen begangenen Unrechts zu gedenken.
In den kommenden Tagen wird der Bund der Vertriebenen entscheiden, ob man Steinbach nominiert. Der BdV steht am Scheideweg: Was ist wichtiger – die Profilierung Erika Steinbachs oder die wachsende Empathie unserer Nachbarn auch für deutsche Opfer?

p.s.: Eine persönliche Note. Dies hier ist das Haus meiner Familie väterlicherseits. Es steht in Gorna Grupa (Obergruppe) bei Grudziaz (Graudenz) an der Weichsel. Es war einmal ein Dorfgasthof. Heute sind darin ein Kulturzentrum und ein Kaufladen untergebracht. Niemand kann sich an meine Oma oder meinen Vater und seine Geschwister erinnern. Oder niemand möchte es zugeben. Es war gut, das zu sehen bei unserem Polen-Urlaub in diesem Jahr. Erstaunlich, wie ähnlich die Gegend derjenigen ist, in der mein Vater, der Vertriebene, heimisch wurde (im äußersten Westen Westdeutschlands). Einen kleinen Stich hat’s mir schon versetzt. Aber dann war es auch gut. Ich bin auf der glücklichen Seite des Kalten Krieges aufgewachsen. Ich liebe Westpreussen und werde sicher wiederkommen. Heimat ist woanders.

Veröffentlicht 11/11/2009 von krkonos in Deutsche und Polen, Politik

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