Verwunderte Welt (Online)   1 comment

Es ist ja sehr angenehm, solche Beiträge über die Heimat zu Lesen, auch wenn meines Erachtens der Autor (Herr Gerhard Gnauck) an manchen Stellen etwas (bis maßlos) übertreibt. Und trotzdem: für mich eine wohltuende Lektüre:

Das polnische Wunder (Welt.Online vom 19.11.2010)

Polens Premierminister Donald Tusk hat in dieser Woche ein paar bemerkenswerte Sätze gesagt. „Polens Straßen waren jahrzehntelang ein Symbol dessen, was uns misslungen war.“ Den Namen seines Landes habe man früher mit „Unordnung, Armut und Unfähigkeit“ assoziiert. Tusk hätte noch weiter ausholen können: „Polnische Wirtschaft“ und „polnischer Reichstag“ waren – zumindest in älteren deutschen Wörterbüchern – Synonyme für Misswirtschaft und Anarchie.

Und jetzt das: Der Regierungschef eines Landes, das sich in den letzten Jahrhunderten in der Verlierer- und Opferrolle fast schon auf Dauer eingerichtet hatte, stellt sich hin und verkündet, was in den letzten drei Jahren geleistet wurde. 6000 Kilometer Straßen sollten in seiner Amtszeit gebaut oder renoviert werden; kein schlechter Plan, sagt Tusk, doch inzwischen peile man bereits 8000 an. Dazu 180 Kilometer neue Autobahn – für ein Land fast ohne Autobahnen zwar bescheiden, aber immerhin ein Anfang. 44 Bahnhöfe würden gerade modernisiert, nicht zu reden von den Provinzflughäfen – hier lobte Tusk besonders das ostpolnische Rzeszow, das inzwischen eine Direktverbindung nach New York hat.

Damit nicht genug. Im Jahre 2006 hätten nur 40 Prozent der Kleinsten einen Kindergartenplatz gehabt, inzwischen seien 125 000 Plätze neu entstanden, und in zwei Jahren werde man bei 80 Prozent sein. „Praktisch jeden Tag“ entstehe irgendwo in der Provinz eine neue Sportanlage für Kinder und Jugendliche. Auch das staatliche Gesundheitswesen – bisher ein wunder Punkt – werde hoffentlich eines Tages „auf europäischem Niveau“ sein. Immerhin: Der Premier zählte zu den Erfolgen, dass Polen dem Druck einer „globalen Lobby“ (er meinte die Pharmakonzerne) standgehalten, als einziges Land der Welt keinen Schweinegrippe-Impfstoff gekauft und am Ende damit recht behalten habe. Und so weiter und so fort: Abschaffung der Wehrpflicht, Abzug aus dem Irak, begonnener Bau des Flüssiggasterminals, Planung des ersten Kernkraftwerks, erfolgreiche Privatisierungspolitik, gute Absorption der EU-Fördergelder. Auch die unerwarteten Probleme der letzten zwei Jahre habe das Land überstanden: die Finanzkrise, die Hochwasserkatastrophe im Sommer, deren Schäden 0,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmachten, und den Absturz des Regierungsflugzeugs im Frühjahr. „Die polnische Demokratie, der Staat, die Bürger haben ihre Prüfung bestanden.“Das alles riecht ein wenig nach Wahlkampf und darf es auch. Am Sonntag werden die Stadt- und Gemeinderäte, Bürgermeister und Regionalparlamente (Sejmiks) neu gewählt. Sind Überraschungen zu erwarten? Eigentlich nur eine: Die meisten Stadtväter und -mütter können, vor allem in den Großstädten, mit ihrer Wiederwahl rechnen. Polens Städte und Regionen haben, nicht zuletzt dank des EU-Beitritts, finanziell und psychologisch einen kräftigen Schub erfahren. Tusk präsentierte sich bei seinem Vortrag vor einer Wand voller Fotos, die sämtlich polnische Baustellen zeigten. Ob alle diese Vorhaben konkret seiner Regierung gutzuschreiben sind, darüber lässt sich streiten, doch eines ist unumstritten: Durch Polen ist ein Ruck gegangen, das Land schreitet mit Siebenmeilenstiefeln voran.

Dabei zeigte der Regierungschef auch Demut: Nicht seine Mannschaft habe diese Chancen, „wie sie sich in tausend Jahren nur einmal bieten“, geschaffen. Aber sie wolle sie nützen. Das Fenster der Gelegenheit sei schmal: Polen müsse einen „Weg der Mitte“ gehen zwischen notwendigen Ausgabenbeschränkungen einerseits und einer dynamischen Investitionspolitik andererseits, „ohne in die Verschuldungsspirale zu geraten, in der mehr als die Hälfte der EU-Staaten jetzt steckt“. Und das Fenster könne sich schnell wieder schließen. Jeder weiß in Warschau: Wenn die politischen Fehlleistungen der einen und die nationalen Egoismen der anderen in der EU sich weiter fortsetzen, könnte Polen in die Rolle des weinenden Dritten geraten. Der Strom der EU-Mittel könnte eines Tages sehr viel dünner werden.Bundeskanzlerin Angela Merkel wirbt dieser Tage mit einer Anzeige: Kein Land habe die Krise so gut überstanden wie Deutschland. Mit Verlaub: Diesmal haben die gern unterschätzten Nachbarn im Osten die Nase vorn.

„Europa einholen“ gab Tusk in seiner Rede als Ziel vor. Kein Scherz: Polen ist auf dem besten Wege dorthin.

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Veröffentlicht 20/11/2010 von krkonos in Deutsche und Polen, Politik

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Eine Antwort zu “Verwunderte Welt (Online)

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  1. Stimmt da hat der Autor sich in und wieder zu übertreibungen hinreißen lassen. Ob alles was da in polen geplant ist auch wirklich gut für Land und Leute ist würde ich eher kritisch sehen.

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