Zweisprachige Ortsschilder in Oppelner Schlesien   Leave a comment

Zweisprachige Ortschilder oder Wegweiser gibt es auf der ganzen Welt. Sie werden für Touristen aufgestellt oder dienen der Orientierung im Verkehr. Die Besonderheit von zweisprachigen Ortschildern in Oppelner Schlesien besteht aber darin, dass sie für die Bewahrung der Erinnerung an  das Vergangene, das friedliche Zusammenleben sowie eine gelungene Zusammenarbeit zwischen Polen und Deutschen heute stehen wollen. Ziel eines Geschichtsunterrichts, der dieses Thema behandelt, sollte sein, den Schülern die Komplexität dieser Art der Erinnerungskultur auf verständliche Weise näherzubringen. Die Region Oppelner Schlesien ist hierfür geeignet, da hier der Einfluss der  polnischen, deutschen und tschechischen Kultur beobachtet werden kann. Von hier sind Deutsche vertrieben worden und hier kamen Polen die aus ihrer Heimat vertrieben wurden.
Die Woiwodschaft Opole, auch Oppelner Schlesien genannt, liegt im südwestlichen Polen und hat derzeit über eine Million Einwohner. Im Laufe der Geschichte wechselte dieses Gebiet zwischen Fürsten, die sich jeweils dem tschechischen, dem polnischen und dem brandenburgisch-preußischen Königshaus verpflichtet fühlten. Unmittelbar vor dem Zweiten Weltkrieg war diese Region, damals Oberschlesien, Teil des Deutschen Reiches. Im Gegensatz zum früheren deutschen Niederschlesien erkannte die neue polnische Verwaltung nach der Machübernahme 1945 einen Teil der Einwohner als Personen mit slawischer Herkunft an, die zwar deutsch sprachen, die aber „degermanisiert“ werden könnten. Dies hatte zur Folge, dass der Bevölkerungstransfer flexibler gestaltet und die deutsche Kultur zwar nicht anerkannt, aber immerhin versteckt weiter erhalten werden konnte.
Nach der Wende 1989 zeigte sich die  Besonderheit der Region. Die deutsche Minderheit begann sich zu organisieren und wurde 1991 offiziell als Sozial-Kulturelle Gesellschaft der Deutschen im Oppelner  Schlesien eingetragen. Ihre Tätigkeit konzentriert sich vor allem auf Kultur- und Bildungsinitiativen. Einen erheblichen Teil der Aktivität stellt auch die Politik dar. Seit 1991 stellt das Wahlkomitee Deutsche Minderheit Kandidaten für Wahlen auf allen Ebenen auf. Sie ist von den Gemeinderäten über Kreisräte, dem Sejmik (Lokalparlament) der Woiwodschaft Oppeln, bis zum polnischen Sejm vertreten. Die Besonderheit der Region besteht auch darin, dass sich, nach der letzten Volkszählung 2002, zehn Prozent der Einwohner als Deutsche bezeichnen. Die Deutschen sind aber sehr gut in die polnische Gesellschaft integriert, alle sprechen polnisch und es gibt nur wenig sichtbare Unterschiede im gesellschaftlichen Leben. Konflikte die auftreten, z.B. über deutsche Denkmäler und zweisprachige Ortsschilder, sind historisch verankert, haben aber auch eine Lernfunktion. Zum einen – wie  man das Zusammenleben zweier Bevölkerungsgruppen managt und zum anderen – was man aus der Vergangenheit lernen kann um die Menschen vor künftigen Fehlern zu bewahren. Dieser zweiten Fragestellung wollen wir in diesem Beitrag am Beispiel der polnisch-deutschen Ortsschilder im Oppelner Schlesien nachgehen. Ursachen für die Initiative sind in einer Evolution der regionalen Identität zu suchen. Das Ende des Kommunismus in Polen löste in der autochthonen und der deutschstämmigen Bevölkerung einen Befreiungsdrang aus, der sich gegen eine einheitliche polnische Kultur wandte, die seit 1945 von den Staatsorganen demonstriert wurde. Hier ist die Ursache für den Erfolg der Deutschen Minderheit bei den Wahlen 1991 zu sehen. Damals stellte das Komitee drei von zehn Sejmabgeordneten aus der Woiwodschaft,  spätere Wahlen veranschaulichten jedoch, dass die politische Trennlinie landesweit entlang der traditionellen politischen Parteienszene verläuft, die deutsche Minderheit aber auf  lokaler und regionaler Ebene weiterhin sehr stark vertreten ist. Das Zusammengehörigkeitsgefühl von polnischen und deutschen Einwohnern wurde 1998 unter Beweis gestellt als die damalige polnische Regierung eine Verwaltungsreform durchführen wollte in der die Woiwodschaft Oppeln abgeschafft werden sollte. Die friedlichen Bürgerproteste, die ihren Höhepunkt in der Bildung von Menschenketten entlang der Hauptstraßen der Woiwodschaft hatten, erreichten ihr Ziel und die Woiwodschaft hatte sich ihre Eigenständigkeit bewahrt. Darüberhinaus veranschaulichte das Volkszählungsergebnis von 2002, dass  die deutsche Minderheit mit einem Bevölkerungsanteil von zehn Prozent, ein fester Bestandteil dieser Gemeinschaft ist und ein Recht auf die Wahrung ihrer Tradition und Erinnerung hat.  Günstige Bedingungen für zweisprachige Ortsnamen wurden auch von der polnischen Regierung, die seit 2001  im Amt war, geschaffen. Die 1998 verabschiedete Europäische Konvention für den Schutz von Minderheiten trat ebenfalls 2001 in Polen  in Kraft. Die neue Mittelinksregierung von der postkommunistischen SLD und der bäuerlichen PSL die die Beitrittsverhandlungen zur Europäischen Union vorantreiben wollte entschloss sich, so viel EU-Recht wie möglich in polnisches Recht umzusetzen. Die Arbeiten an einem Minderheitengesetz, die seit  1994 im Sejm andauerten, trafen jetzt auf fruchtbaren Boden.  Eine Einführung von zweisprachigen Ortschildern hatte auch Gegner, die ihre Argumente öffentlich vortrugen. Einige Bedenken waren  weltanschaulicher Natur, wie z.B. die Angst vor einer Negation des polnischen Anspruchs auf die nach 1945 von Deutschland abgetrennten Gebiete und einen Separatismus seitens der deutschen Minderheit. Ein weiteres Argument ähnlicher Stoßrichtung, wonach es kein Bedarf für solche Schilder gäbe wurde damit gestützt, dass in Polen alle Bürger polnisch sprechen und solche Initiativen zur Spaltung der Gesellschaft führen könnten. Hier ist die Rückkehr zu der Idee eines Nationalstaates und seiner Interessenslogik zu erkennen, in dem es keine Minderheiten gibt, wie sie nach dem Zweiten Weltkrieg von den Kommunisten realisiert worden war und die jetzt von der rechten politischen Seite vorgetragen wurde. Die Gegner der zweisprachigen Ortsschilder trugen auch rechtliche Argumente vor. Sie meinten, die Europäische Konvention für den Schutz von Minderheiten sei schon für Polen verbindlich und müsse nicht noch durch ein Gesetz umgesetzt werden. Ein weiteres Gegenargument war die Tatsache, dass eine polnische Minderheit in Deutschland nicht anerkannt ist und das Gegenseitigkeitsprinzip, eine der Säulen des Völkerrechts, nicht gegeben sei, weshalb weitergehende Privilegien für Deutsche in Polen nicht vertretbar seien.
Trotz dieser Bedenken schloss das polnische Parlament die Arbeiten an dem Gesetz über die nationalen und ethnischen Minderheiten und der Regionalsprache Ende des Jahres 2004 ab und nahm das Gesetz im Januar 2005 an. Es listete die nationalen und ethnischen Minderheiten auf und gestand  ihnen die Möglichkeit ein, unter bestimmten Voraussetzungen, ihre Sprache u.a. in ihrem Gemeindeamt zu benutzen und Ortsnamen in ihrer Sprache einzuführen. Die Sprache einer Minderheit kann als Hilfssprache in der Gemeinde eingeführt werden, wenn nach der letzten Volkszählung mindestens 20 Prozent der Einwohner dieser Minderheit angehören und der Gemeinderat dieses beim Innenminister beantragt. Das Gesetz erlaubt auch die Einführung von zweisprachigen Ortsnamen in der Gemeinde. Dies geschieht auf Antrag des Gemeinderates, wenn 20 Prozent oder mehr der Gemeindeeinwohner einer Minderheit angehören oder über 50 Prozent einer Ortschaft sich in einer Bürgerbefragung dafür ausgesprochen haben. In diesem Verfahren müssen die Ortsnamen noch durch die staatliche Kommission für Ortsnamen bestätigt werden.
Die Namensgebung darf nicht an die Ortsnamen, die zwischen 1933 und 1945 gegeben wurden, anknüpfen. Die Aufstellung  der zweisprachigen Ortsschilder ist dann noch ist dann noch eine Zeitfrage,  denn sie ist von den dafür vorhandenen Mitteln im Innenministerium abhängig.
Die ersten zweisprachigen, polnisch-deutschen Ortschilder in der Woiwodschaft Oppeln sind am 12. September 2008 in der Gemeinde Radłów / Radlau aufgestellt worden und wurden von einer breiten Öffentlichkeit verfolgt. Diese Gemeinde besteht mehrheitlich aus Einwohnern, die der deutschen Minderheit angehöhren und in allen Ortschaften wurden erfolgreiche Bürgerbefragungen durchgeführt. Der gewählte Bürgermeister ist ein Pole, der sich die Aufstellung der Schilder zum Ziel gesetzt hat um aufzuzeigen, dass Polen und Deutsche friedlich zusammenleben und zusammenarbeiten können.  Ein Zeichen für das Durchsetzungsvermögen einer Gemeinde setzte dagegen Tarnów Opolski / Tarnau, das sich weigerte Bürgerbefragungen durchzuführen und darauf bestand, dass nur die Prozentzahl  einer Minderheit nach der Volkszählung und ein Antrag des Gemeinderats ausreiche um solche Schilder  aufzustellen. Die Staatsorgane waren zunächst der  Überzeugung, dass darüberhinaus Bürgerbefragungen nötig seien, die Gemeinde bekam dann aber recht und wies anderen Gemeinden, die Bedenken gegen die Organisation von Bürgerbefragungen hatten, den Weg. Vor dieser Entscheidung wirkte die Bürgerbefragung für viele Gemeinden abschreckend, denn sie fürchteten, diese könnten zu Konflikten zwischen den polnischen und deutschen Einwohnern führen.  Nach dem heutigen Stand der Dinge sind  27. Gemeinden als zweisprachige registriert, haben also mindestens 20. Prozent Einwohner die sich als Deutsche bezeichnen. Zweisprachige Ortschilder stehen in 197 Orten in 15. Gemeinden der Woiwodschaft Oppeln. Die Reaktion der  Einwohner in den Ortschaften in denen diese Schilder aufgestellt worden waren reichte von Euphorie bis zur Verneinung, es dominierte aber leise Zustimmung, heftige Proteste gab es nicht. Eine Spaltung der Gesellschaft haben sie nicht hervorgerufen, es kommt lediglich zu Zwischenfällen, die im Wesentlichen darauf beruhen, den deutschen Ortsnamen mit schwarzer oder roter Farbe zu übermalen. Die verantwortlichen Organe gehen meistens von Vandalismus aus und bringen diese Delikte nicht mit Volksverhetzung in Verbindung. Auch die Bürgermeister teilen diese Meinung und hoffen, dass sich dieses Problem mit der Zeit lösen wird.
Um den Schülern den universellen Wert zu vermitteln, dass man aus der Geschichte lernen muss, damit sich diese nicht wiederholt – insbesondere beim Thema Krieg und Vertreibung – sollte die materielle Geschichtskultur anhand eines anschaulichen Beispiels näher gebracht werden. Es ist daher vorteilhaft eine Diskussion anzuregen, die mit einer Einführung über eine lebende Erinnerungskultur am Beispiel der zweisprachigen Ortsschilder beginnt, die  sich dann mit Mechanismen des Krieges und den damit verbundenen Folgen auseinandersetzt. Beachtenswert ist dazu eine Gegenüberstellung von historisch bedingten Schildern auf der einen und andersmotivierten Schildern um die Schüller die Unterschiede aufgreifen zu lassen. Anschließend sollten die Schüller ein Fazit ziehen und die Gründe dafür nennen, ob zweisprachige Ortschilder kontrovers  sein können und woraus die geschichtlich verankerte Komplexität dieses Themas besteht.

Paweł Kampa, Universität Opole

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Veröffentlicht 24/05/2010 von krkonos in Deutsche und Polen

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