Archiv für Mai 2010

Zweisprachige Ortsschilder in Oppelner Schlesien   Leave a comment

Zweisprachige Ortschilder oder Wegweiser gibt es auf der ganzen Welt. Sie werden für Touristen aufgestellt oder dienen der Orientierung im Verkehr. Die Besonderheit von zweisprachigen Ortschildern in Oppelner Schlesien besteht aber darin, dass sie für die Bewahrung der Erinnerung an  das Vergangene, das friedliche Zusammenleben sowie eine gelungene Zusammenarbeit zwischen Polen und Deutschen heute stehen wollen. Ziel eines Geschichtsunterrichts, der dieses Thema behandelt, sollte sein, den Schülern die Komplexität dieser Art der Erinnerungskultur auf verständliche Weise näherzubringen. Die Region Oppelner Schlesien ist hierfür geeignet, da hier der Einfluss der  polnischen, deutschen und tschechischen Kultur beobachtet werden kann. Von hier sind Deutsche vertrieben worden und hier kamen Polen die aus ihrer Heimat vertrieben wurden.
Die Woiwodschaft Opole, auch Oppelner Schlesien genannt, liegt im südwestlichen Polen und hat derzeit über eine Million Einwohner. Im Laufe der Geschichte wechselte dieses Gebiet zwischen Fürsten, die sich jeweils dem tschechischen, dem polnischen und dem brandenburgisch-preußischen Königshaus verpflichtet fühlten. Unmittelbar vor dem Zweiten Weltkrieg war diese Region, damals Oberschlesien, Teil des Deutschen Reiches. Im Gegensatz zum früheren deutschen Niederschlesien erkannte die neue polnische Verwaltung nach der Machübernahme 1945 einen Teil der Einwohner als Personen mit slawischer Herkunft an, die zwar deutsch sprachen, die aber „degermanisiert“ werden könnten. Dies hatte zur Folge, dass der Bevölkerungstransfer flexibler gestaltet und die deutsche Kultur zwar nicht anerkannt, aber immerhin versteckt weiter erhalten werden konnte.
Nach der Wende 1989 zeigte sich die  Besonderheit der Region. Die deutsche Minderheit begann sich zu organisieren und wurde 1991 offiziell als Sozial-Kulturelle Gesellschaft der Deutschen im Oppelner  Schlesien eingetragen. Ihre Tätigkeit konzentriert sich vor allem auf Kultur- und Bildungsinitiativen. Einen erheblichen Teil der Aktivität stellt auch die Politik dar. Seit 1991 stellt das Wahlkomitee Deutsche Minderheit Kandidaten für Wahlen auf allen Ebenen auf. Sie ist von den Gemeinderäten über Kreisräte, dem Sejmik (Lokalparlament) der Woiwodschaft Oppeln, bis zum polnischen Sejm vertreten. Die Besonderheit der Region besteht auch darin, dass sich, nach der letzten Volkszählung 2002, zehn Prozent der Einwohner als Deutsche bezeichnen. Die Deutschen sind aber sehr gut in die polnische Gesellschaft integriert, alle sprechen polnisch und es gibt nur wenig sichtbare Unterschiede im gesellschaftlichen Leben. Konflikte die auftreten, z.B. über deutsche Denkmäler und zweisprachige Ortsschilder, sind historisch verankert, haben aber auch eine Lernfunktion. Zum einen – wie  man das Zusammenleben zweier Bevölkerungsgruppen managt und zum anderen – was man aus der Vergangenheit lernen kann um die Menschen vor künftigen Fehlern zu bewahren. Dieser zweiten Fragestellung wollen wir in diesem Beitrag am Beispiel der polnisch-deutschen Ortsschilder im Oppelner Schlesien nachgehen. Ursachen für die Initiative sind in einer Evolution der regionalen Identität zu suchen. Das Ende des Kommunismus in Polen löste in der autochthonen und der deutschstämmigen Bevölkerung einen Befreiungsdrang aus, der sich gegen eine einheitliche polnische Kultur wandte, die seit 1945 von den Staatsorganen demonstriert wurde. Hier ist die Ursache für den Erfolg der Deutschen Minderheit bei den Wahlen 1991 zu sehen. Damals stellte das Komitee drei von zehn Sejmabgeordneten aus der Woiwodschaft,  spätere Wahlen veranschaulichten jedoch, dass die politische Trennlinie landesweit entlang der traditionellen politischen Parteienszene verläuft, die deutsche Minderheit aber auf  lokaler und regionaler Ebene weiterhin sehr stark vertreten ist. Das Zusammengehörigkeitsgefühl von polnischen und deutschen Einwohnern wurde 1998 unter Beweis gestellt als die damalige polnische Regierung eine Verwaltungsreform durchführen wollte in der die Woiwodschaft Oppeln abgeschafft werden sollte. Die friedlichen Bürgerproteste, die ihren Höhepunkt in der Bildung von Menschenketten entlang der Hauptstraßen der Woiwodschaft hatten, erreichten ihr Ziel und die Woiwodschaft hatte sich ihre Eigenständigkeit bewahrt. Darüberhinaus veranschaulichte das Volkszählungsergebnis von 2002, dass  die deutsche Minderheit mit einem Bevölkerungsanteil von zehn Prozent, ein fester Bestandteil dieser Gemeinschaft ist und ein Recht auf die Wahrung ihrer Tradition und Erinnerung hat.  Günstige Bedingungen für zweisprachige Ortsnamen wurden auch von der polnischen Regierung, die seit 2001  im Amt war, geschaffen. Die 1998 verabschiedete Europäische Konvention für den Schutz von Minderheiten trat ebenfalls 2001 in Polen  in Kraft. Die neue Mittelinksregierung von der postkommunistischen SLD und der bäuerlichen PSL die die Beitrittsverhandlungen zur Europäischen Union vorantreiben wollte entschloss sich, so viel EU-Recht wie möglich in polnisches Recht umzusetzen. Die Arbeiten an einem Minderheitengesetz, die seit  1994 im Sejm andauerten, trafen jetzt auf fruchtbaren Boden.  Eine Einführung von zweisprachigen Ortschildern hatte auch Gegner, die ihre Argumente öffentlich vortrugen. Einige Bedenken waren  weltanschaulicher Natur, wie z.B. die Angst vor einer Negation des polnischen Anspruchs auf die nach 1945 von Deutschland abgetrennten Gebiete und einen Separatismus seitens der deutschen Minderheit. Ein weiteres Argument ähnlicher Stoßrichtung, wonach es kein Bedarf für solche Schilder gäbe wurde damit gestützt, dass in Polen alle Bürger polnisch sprechen und solche Initiativen zur Spaltung der Gesellschaft führen könnten. Hier ist die Rückkehr zu der Idee eines Nationalstaates und seiner Interessenslogik zu erkennen, in dem es keine Minderheiten gibt, wie sie nach dem Zweiten Weltkrieg von den Kommunisten realisiert worden war und die jetzt von der rechten politischen Seite vorgetragen wurde. Die Gegner der zweisprachigen Ortsschilder trugen auch rechtliche Argumente vor. Sie meinten, die Europäische Konvention für den Schutz von Minderheiten sei schon für Polen verbindlich und müsse nicht noch durch ein Gesetz umgesetzt werden. Ein weiteres Gegenargument war die Tatsache, dass eine polnische Minderheit in Deutschland nicht anerkannt ist und das Gegenseitigkeitsprinzip, eine der Säulen des Völkerrechts, nicht gegeben sei, weshalb weitergehende Privilegien für Deutsche in Polen nicht vertretbar seien.
Trotz dieser Bedenken schloss das polnische Parlament die Arbeiten an dem Gesetz über die nationalen und ethnischen Minderheiten und der Regionalsprache Ende des Jahres 2004 ab und nahm das Gesetz im Januar 2005 an. Es listete die nationalen und ethnischen Minderheiten auf und gestand  ihnen die Möglichkeit ein, unter bestimmten Voraussetzungen, ihre Sprache u.a. in ihrem Gemeindeamt zu benutzen und Ortsnamen in ihrer Sprache einzuführen. Die Sprache einer Minderheit kann als Hilfssprache in der Gemeinde eingeführt werden, wenn nach der letzten Volkszählung mindestens 20 Prozent der Einwohner dieser Minderheit angehören und der Gemeinderat dieses beim Innenminister beantragt. Das Gesetz erlaubt auch die Einführung von zweisprachigen Ortsnamen in der Gemeinde. Dies geschieht auf Antrag des Gemeinderates, wenn 20 Prozent oder mehr der Gemeindeeinwohner einer Minderheit angehören oder über 50 Prozent einer Ortschaft sich in einer Bürgerbefragung dafür ausgesprochen haben. In diesem Verfahren müssen die Ortsnamen noch durch die staatliche Kommission für Ortsnamen bestätigt werden.
Die Namensgebung darf nicht an die Ortsnamen, die zwischen 1933 und 1945 gegeben wurden, anknüpfen. Die Aufstellung  der zweisprachigen Ortsschilder ist dann noch ist dann noch eine Zeitfrage,  denn sie ist von den dafür vorhandenen Mitteln im Innenministerium abhängig.
Die ersten zweisprachigen, polnisch-deutschen Ortschilder in der Woiwodschaft Oppeln sind am 12. September 2008 in der Gemeinde Radłów / Radlau aufgestellt worden und wurden von einer breiten Öffentlichkeit verfolgt. Diese Gemeinde besteht mehrheitlich aus Einwohnern, die der deutschen Minderheit angehöhren und in allen Ortschaften wurden erfolgreiche Bürgerbefragungen durchgeführt. Der gewählte Bürgermeister ist ein Pole, der sich die Aufstellung der Schilder zum Ziel gesetzt hat um aufzuzeigen, dass Polen und Deutsche friedlich zusammenleben und zusammenarbeiten können.  Ein Zeichen für das Durchsetzungsvermögen einer Gemeinde setzte dagegen Tarnów Opolski / Tarnau, das sich weigerte Bürgerbefragungen durchzuführen und darauf bestand, dass nur die Prozentzahl  einer Minderheit nach der Volkszählung und ein Antrag des Gemeinderats ausreiche um solche Schilder  aufzustellen. Die Staatsorgane waren zunächst der  Überzeugung, dass darüberhinaus Bürgerbefragungen nötig seien, die Gemeinde bekam dann aber recht und wies anderen Gemeinden, die Bedenken gegen die Organisation von Bürgerbefragungen hatten, den Weg. Vor dieser Entscheidung wirkte die Bürgerbefragung für viele Gemeinden abschreckend, denn sie fürchteten, diese könnten zu Konflikten zwischen den polnischen und deutschen Einwohnern führen.  Nach dem heutigen Stand der Dinge sind  27. Gemeinden als zweisprachige registriert, haben also mindestens 20. Prozent Einwohner die sich als Deutsche bezeichnen. Zweisprachige Ortschilder stehen in 197 Orten in 15. Gemeinden der Woiwodschaft Oppeln. Die Reaktion der  Einwohner in den Ortschaften in denen diese Schilder aufgestellt worden waren reichte von Euphorie bis zur Verneinung, es dominierte aber leise Zustimmung, heftige Proteste gab es nicht. Eine Spaltung der Gesellschaft haben sie nicht hervorgerufen, es kommt lediglich zu Zwischenfällen, die im Wesentlichen darauf beruhen, den deutschen Ortsnamen mit schwarzer oder roter Farbe zu übermalen. Die verantwortlichen Organe gehen meistens von Vandalismus aus und bringen diese Delikte nicht mit Volksverhetzung in Verbindung. Auch die Bürgermeister teilen diese Meinung und hoffen, dass sich dieses Problem mit der Zeit lösen wird.
Um den Schülern den universellen Wert zu vermitteln, dass man aus der Geschichte lernen muss, damit sich diese nicht wiederholt – insbesondere beim Thema Krieg und Vertreibung – sollte die materielle Geschichtskultur anhand eines anschaulichen Beispiels näher gebracht werden. Es ist daher vorteilhaft eine Diskussion anzuregen, die mit einer Einführung über eine lebende Erinnerungskultur am Beispiel der zweisprachigen Ortsschilder beginnt, die  sich dann mit Mechanismen des Krieges und den damit verbundenen Folgen auseinandersetzt. Beachtenswert ist dazu eine Gegenüberstellung von historisch bedingten Schildern auf der einen und andersmotivierten Schildern um die Schüller die Unterschiede aufgreifen zu lassen. Anschließend sollten die Schüller ein Fazit ziehen und die Gründe dafür nennen, ob zweisprachige Ortschilder kontrovers  sein können und woraus die geschichtlich verankerte Komplexität dieses Themas besteht.

Paweł Kampa, Universität Opole

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Veröffentlicht 24/05/2010 von krkonos in Deutsche und Polen

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Thierse: Auch ich bin in Breslau geboren   1 comment

Das Schicksal der Vertreibung ist ins kollektive Gedächtnis der Deutschen übergegangen. Aber es ist nicht mehr Angelegenheit der Vertriebenen allein, sondern der ganzen Republik

Hört der Streit denn niemals auf? Ist auch die Geschichte von Flucht und Vertreibung eine Vergangenheit, die nicht vergehen will? 60, 70 Jahre ist das alles her: die Jahre des Krieges, von Vertreibung und Flucht; die bitteren, opferreichen Erlebnisse vieler Menschen, vor allem von Alten, von Müttern, von Kindern; die Erfahrung schmerzlichsten Verlusts – von Familienangehörigen, von Eigentum, von Heimat; die Tage und Wochen, manchmal Monate und Jahre des Hin und Her, des Bedrohtseins, der Unsicherheit und Angst, des Kampfes ums schiere Überleben, ohne gewisses Ziel; die Ankunft in fremder, kalter Heimat, der unfreundliche Empfang.
Das Leid der Vertriebenen kenne ich – im Gegensatz zu vielen anderen – aus eigener Erfahrung: Ich bin in Breslau geboren, meine gesamte Familie, mütterlicherseits wie väterlicherseits, hat in Schlesien gelebt und ist vertrieben worden. Der größere Teil meiner Familie fand sich im Westen Deutschlands wieder, der kleinere blieb im Osten Deutschlands hängen. Ich bin mit der trauernden Erinnerung an die verlorene Heimat aufgewachsen. Diese trauernde Erinnerung fand aber nur einen Platz im engsten Kreis der Familie oder der Kirchengemeinde. Öffentlich durfte sie nicht werden, denn offiziell gab es uns Flüchtlinge und Vertriebene in der DDR gar nicht. Stattdessen war euphemistisch von „Umsiedlern“, schon ab 1950 von „ehemaligen Umsiedlern“ oder „Neubürgern“ die Rede. Dabei machten die Vertriebenen bei Gründung der DDR mit vier Millionen Menschen noch mehr als ein Fünftel der Bevölkerung aus. Aber sie hatten zu schweigen!
Ich weiß also, was es heißt, wenn vom Leid der Vertriebenen die Rede ist – dem doppelten Leid des schmerzlichen Verlustes der Heimat einerseits und andererseits dem Leid des Schweigenmüssens, der Unterdrückung und Verdrängung, das krank machen kann.
Im Westen Deutschlands verlief die Geschichte der Flüchtlinge und Vertriebenen durchaus anders als in der DDR. Die Bundesrepublik hat eine große, wahrlich historische Leistung erbracht: die Integration von weit mehr als zehn Millionen Menschen! An dieser Leistung hatten die Vertriebenen selbst den größten Anteil – durch ihren Fleiß, ihre Integrationsbereitschaft, ihr politisches Engagement und auch ihre Organisationskraft: Die Vertriebenenverbände hatten erheblichen Einfluss, zunächst über eine eigene Partei (den BHE), dann in den demokratischen Parteien, die die Bundesrepublik seit 1949 prägten. Das Lastenausgleichsgesetz von 1952 und das Bundesvertriebenengesetz von 1953 waren wichtige Ergebnisse ihrer Aktivitäten und zugleich wirkungsvolle Instrumente der Integration. So wurden die Flüchtlinge und Vertriebenen Akteure und Teilhaber am wirtschaftlichen, sozialen und politischen Erfolg der Bundesrepublik. Die Pflege der Erinnerung an die verlorene Heimat und deren Kultur war ein ganz selbstverständlicher Teil davon. Zahlreiche Heimatmuseen, Ausstellungen und circa 1400 Denkmäler entstanden, die an den historischen deutschen Osten erinnern, der Opfer von Flucht und Vertreibung gedenken oder der Integration gewidmet sind. Das Schicksal der Flüchtlinge und Vertriebenen ist in den vergangenen sechs Jahrzehnten immer wieder Gegenstand von historischer Dokumentation und künstlerischer Aufarbeitung in Büchern, in Filmen, im Fernsehen gewesen.
Man wird also nicht behaupten dürfen, dass die Vertriebenen in der Erinnerungskultur der (West-)Deutschen jahrzehntelang nicht genügend vertreten gewesen seien (diesen Vorwurf erhebt Manfred Kittel, der erste Direktor der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung). Allerdings gab es einen unübersehbaren Rückgang des öffentlichen Einflusses der Vertriebenenverbände in den 70er-Jahren, der vor allem ihrer Gegnerschaft zu den Ostverträgen der sozialliberalen Koalition geschuldet war, die vielfach als Ablehnung einer Aussöhnung mit Polen und unseren anderen östlichen Nachbarn verstanden wurde. Eine Mehrheit der Deutschen, vor allem der jüngeren Generationen, war entschieden für die Ost- und Entspannungspolitik der Regierungen Brandt und Schmidt. Der Konflikt hatte Folgen: Er vermehrte den Unwillen, sich des Leides der Vertreibungen zu erinnern, den Opfern Aufmerksamkeit und Respekt zu widmen.
Inzwischen sind wir in einer anderen Situation. Die deutsche Einheit und die Einigung Europas haben die Chance eröffnet, über das schmerzliche Thema von Flucht und Vertreibung auf neue Weise zu sprechen – ohne Misstrauen, ohne Angst vor Revanchismus und Revisionismus. Die europäischen Grundfragen der Vergangenheit, die Grenzfragen vor allem, sind geklärt; die europäischen Völker, die Deutschen und Polen darin, haben sich zu Frieden und Solidarität miteinander verpflichtet. Das schließt den kritischen und selbstkritischen, den wahrhaftigen Blick auf die Vergangenheit ein, besonders auch den Blick auf die bitterböse Geschichte der Deutschen mit ihren polnischen Nachbarn. Eine gemeinsame Aufgabe.
In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat in Deutschland das Interesse für diesen Teil unserer Geschichte wieder zugenommen. Wir erleben einen Gezeitenwechsel: Die Erinnerung an nationalsozialistische Diktatur und Verbrechen, an Holocaust und Zweiten Weltkrieg, an Flucht und Vertreibung wechselt (endgültig) von den Zeitzeugen, von der „Erlebnisgeneration“, von der persönlichen und familiären Erinnerung ins kollektive Gedächtnis, das vergegenständlicht ist in Museen, in Gedenkstätten, in Historiografie, in den Werken der Kunst, in den medialen Archiven. Das ist mehr als ein Formenwechsel, denn dieser Vorgang ist von Erinnerungsverlusten und also auch von Verlustängsten begleitet. Und in ihm verschärft sich noch einmal der Streit über die Bedeutung von Geschichte, er ist unweigerlich von Erinnerungspolitik imprägniert. So hat der Deutsche Bundestag in den letzten Jahren drei wichtige geschichtspolitische Entscheidungen getroffen: zum Holocaust-Mahnmal, zur Formulierung und Novellierung einer Denkmalskonzeption für das geeinigte Deutschland und zu einem Denkmal für Freiheit und Einheit.
Nach der Initiative des Bundes der Vertriebenen von 1999 ist mit einem Bundestagsbeschluss von 2002, mit der Koalitionsvereinbarung über das „Sichtbare Zeichen“ von 2005 und mit der Konzeption für die Stiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ von 2008 – an allen habe ich maßgeblich mitgewirkt – die Erinnerung an diesen Teil unserer Geschichte in ein neues Stadium getreten: Sie wird zum Gegenstand „offizieller“ Geschichtspolitik, wird Angelegenheit der ganzen Republik, dessen Parlament sie zu seiner Sache gemacht hat. Sie ist nicht mehr „Eigentum“ der professionellen Vertriebenen, des BdV, wird dessen ideeller und moralischer Verwaltung entzogen, deren alleinige Zuständigkeit entfällt. (Ist das die Ursache dafür, dass der BdV und Erika Steinbach ihren Erfolg nicht begreifen können und das Projekt misstrauisch-eifernd nicht nur befördern, sondern möglichst kontrollierend beeinflussen wollen?)
Dabei ist längst nicht (mehr) alles umstritten. Tatsache ist, rund 15 Millionen Deutsche sind aus dem östlichen Europa geflohen oder vertrieben worden. Ihnen ist großes Leid zugefügt worden. Vertreibungen verstoßen gegen elementare Menschen- und Völkerrechte, sind also Unrecht. Der Wunsch ist nicht nur legitim, dass die Erinnerung die Generation der Vertriebenen überlebt; er ist auch selbstverständlich, denn das Leid der Vertriebenen kann nicht aus der Welt geschafft werden. Tatsache ist auch: Dieses deutsche Drama hatte seine Vorgeschichte. Zu dieser Vorgeschichte gehört der alte Irrglaube von einer „deutschen Mission im Osten“, dazu gehört die aggressive „Lebensraum“-Politik der Nationalsozialisten, dazu gehören der Hitler-Stalin-Pakt, der Überfall auf Polen, der mörderische Krieg, und dazu gehört der Antisemitismus, der in furchtbarer Konsequenz in die planmäßige Ermordung von mehr als sechs Millionen Juden mündete. Man kann und darf nicht über Vertreibung reden, ohne auch ihre Ursache in den Blick zu nehmen: Ohne Hitlers Rassismus keine Vertreibungen, kein 1945 ohne 1933, wie es Richard von Weizsäcker in seiner berühmtesten Rede formuliert hatte. Die Frage, ob und in welchem Maße sich auch die Deutschen als Opfer des Weltkrieges fühlen dürfen, ist falsch gestellt. 60 Jahre danach sollten wir vielmehr fähig sein, den Opfern der Vertreibungen (und zum Beispiel den Opfern der Bombennächte) dadurch gerecht zu werden, dass wir daran erinnern: Sie alle wären ohne die verbrecherische deutsche Kriegspolitik nicht zu Opfern geworden!
Man spricht vom 20. Jahrhundert als dem Jahrhundert des Völkermords und der Vertreibungen: Insgesamt 50 bis 70 Millionen Menschen sind durch Vertreibungen, Zwangsumsiedlungen und Deportationen aufgrund ihrer ethnischen Herkunft, ihres nationalen Bekenntnisses oder ihrer Religion in ihren grundlegenden Menschenrechten verletzt worden. Aber solcherart Zusammenschau darf nicht Unterschiede verwischen! Gestritten, debattiert werden muss über die Genauigkeit der Begriffe, über Ursachen, Kontexte und Folgen von Vertreibungen. Jeder, wirklich jeder Anschein muss vermieden werden, dass wir Deutschen geschichtliche Wahrheiten umdeuten, deutsche Täterschaften relativieren und uns zu einem „Opfervolk“ umstilisieren wollen. Schon ein derartiger Verdacht wäre fatal. Denn der Kern des Projekts „Sichtbares Zeichen“ war und muss bleiben: durch Aufklärung über geschichtliche Wahrheiten zu Frieden und Versöhnung zwischen unseren Nachbarn und uns Deutschen beizutragen. Deshalb kann und darf dieses Vorhaben nicht gegen unsere Nachbarn, vor allem nicht gegen Polen verwirklicht werden.
Das Projekt kann nur gelingen, wenn es nicht nur ein nationales, sondern ein nachbarschaftlich-europäisches Projekt wird! Nachdem der zähe Streit über Erika Steinbach dem Projekt geschadet hat, nachdem zwei Historiker aus Polen und Tschechien den wissenschaftlichen Beirat verlassen haben, muss jetzt verlorenes Vertrauen wieder aufgebaut, muss der Stillstand beendet und die Krise des Projekts überwunden werden. Was ist zu tun? Die Novellierung des Stiftungsgesetzes und die Besetzung des Stiftungsrates müssen genutzt werden, um Vertrauen wiederherzustellen – auch um dem Eindruck entgegenzutreten, die Stiftung könnte ein verlängerter Arm des BdV werden. Es ist doch überlegenswert, ausländische Experten auch in den zu Entscheidungen befugten Stiftungsrat zu berufen. Wir brauchen dringend und endlich einen diskutierbaren und diskussionswürdigen Entwurf einer Ausstellungskonzeption. Im Herbst 2008, also vor eineinhalb Jahren, ist das Stiftungsgesetz verabschiedet worden. Seitdem gibt es keine Fortschritte. Es sind viele Fragen offen: Was soll dargestellt werden, worauf soll sich die Ausstellung konzentrieren? Wie viel „Deutsche Siedlungsgeschichte im Osten“, wie viel „deutsche Tätergeschichte“ und wie viel „deutsche Opfergeschichten“? Wie viel Erfolgsgeschichte der Integration der deutschen Vertriebenen nach 1945? Wie viel kritische Geschichte des BdV? Worin soll die Ausstellung sich von anderen bisherigen Ausstellungen zum Thema unterscheiden? Welches Wissen soll sie vermitteln? Welche Art Betroffenheit und Empathie mit wem?
Solange so viel ungeklärt ist, so lange sind das Projekt und die Stiftung nicht frei von Verdacht. Das darf nicht so bleiben! Deshalb bleibt die Zusammenarbeit mit dem „Europäischen Netzwerk Erinnerung und Solidarität“ wichtig und muss endlich aktiv in das Stiftungsprojekt einbezogen werden.
Erinnerungs- und Gedenkprojekte brauchen – in Deutschland gewiss – einen langen Atem. Beim Holocaust-Mahnmal und bei der Dauerausstellung des Deutschen Historischen Museums in Berlin dauerten Streit und Debatte 20 Jahre. Das hat nicht geschadet, im Gegenteil. Auch das Projekt „Sichtbares Zeichen“ verdient intensive Diskussion – offen und gemeinsam mit unseren Nachbarn. Denn die deutsche Geschichte gehört nicht nur uns Deutschen, sondern ist eine europäische Angelegenheit – und das ist gut so.

Der Autor (SPD) ist Vizepräsident des Deutschen Bundestages

Quelle: Die WELT

Veröffentlicht 17/05/2010 von krkonos in Deutsche und Polen, Politik

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