Archiv für Januar 2010

Über Frau Steinbach zum Letzten (hoffentlich)   1 comment

Diesmal mit den Worten aus SPIEGEL ONLINE und mit der Feder von Henryk M. Broder – hoffentlich ein letzter Beitrag hier zum Thema Steinbachsche Anschauung der Vertriebenenfrage.

Die Vertriebenen werden auf ihren Opferstatus nicht verzichten, und die Politik möchte sie einbinden, um peinliche Alleingänge zu verhindern. Dabei sind die Deutschen längst weiter: Sie träumen vom Häuschen im Süden, nicht von der Herrschaft über Pommern.

Die toten Juden haben schon ein Mahnmal. Ebenso die Homosexuellen, die im „Dritten Reich“ verfolgt wurden. Auch der Opfer der Euthanasie wird öffentlich gedacht. Jetzt sind mal wieder die Vertriebenen an der Reihe.
Jahre dauert schon der Streit um das von der Präsidentin des Bundes der Vertriebenen betriebene Projekt, nun ist er wieder eskaliert, nachdem der neue deutsche Außenminister den Polen quasi sein Wort gegeben hat, dass Frau Steinbach dem Stiftungsrat der geplanten Bundesstiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ nicht angehören wird. Sie wiederum wäre bereit, auf den Sitz zu verzichten, wenn dem Bund der Vertriebenen dafür mehr Einfluss, das heißt: mehr Sitze in dem Gremium zugestanden würden.
Das Ganze hört sich nicht nur wie eine Posse aus der Provinz an, es ist eine. Während der Außenminister auf dem Dreikönigstreffen seiner Partei eine „geistig-politische Wende“ einfordert und die Aufmerksamkeit auf die „langen Linien“ der Politik verlagern will, führt er sich auf wie ein Hausmeister, der darauf achtet, dass auf dem Schulklo nicht geraucht wird.
Der Konflikt um den zu besetzenden Stiftungsrat hat eine historische und eine hysterische Komponente.

Geschichte vom Anfang her erzählen
Niemand bestreitet, dass zwölf Millionen Deutsche aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten vertrieben wurden. Im Gegenteil: Alle paar Jahre wird dieses Tabu aufs Neue gebrochen. Entweder durch Günter Grass, der die „Wilhelm Gustloff“ wieder in See stechen lässt, oder durch Maria Furtwängler, die in einem Fernsehfilm eine deutsche Vertriebene spielt.
Der Streit geht nur darum, wie man die Geschichte erzählen soll: Vom Anfang oder vom Ende her? Beginnt man mit dem Ende, also mit der Vertreibung der Deutschen, könnte der Anfang im Dunst der Geschichte verschwinden, dass nämlich die Deutschen in Richtung Osten marschiert sind, bevor sich die Rote Armee auf den Weg nach Berlin machte. Erzählt man die Geschichte chronologisch, dann ist die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten nur das letzte Kapitel eines blutigen historischen Dramas, sozusagen die unvermeidliche Konsequenz der nationalsozialistischen Raserei. In dem einen Fall wären die Vertriebenen die unschuldigen Opfer der Geschichte, im anderen unfreiwillige Mittäter, die kollektiv abgestraft wurden.
Man kann die eine oder die andere Position vertreten, ohne gleich in den Verdacht zu geraten, ein Relativierer oder Revanchist zu sein. Man könnte auch sagen: Wer einen Krieg anfängt und ihn verliert, der zahlt die Zeche, basta.
Aber darum geht es nicht. Die historische Komponente ist geklärt, die hysterische dagegen nimmt an Intensität zu – wie bei Michael Endes Scheinriese, der umso größer wird, je weiter man sich von ihm entfernt. Worum es geht, ist nicht die Last der Geschichte, sondern die Lust am Symbolischen.
Die Israelis zum Beispiel fahren sehr gern Mercedes und Volkswagen, ohne sich die Freude an der Klimaanlage und der Servolenkung von der Erinnerung an die Rolle der deutschen Autobauer im „Dritten Reich“ verderben zu lassen. Aber wenn Daniel Barenboim oder Zubin Mehta ein Stück von Richard Wagner in Tel Aviv spielen möchten, dann holen die letzten Überlebenden der Endlösung ihre KZ-Uniformen vom Dachboden und nehmen vor der deutschen Botschaft Aufstellung. Und das ganze Land diskutiert darüber, ob Hitler ohne Wagner möglich gewesen wäre.

Träume einer aussterbenden Generation
Auch die Polen haben den Deutschen längst vergeben und verziehen. Wie problemlos das deutsch-polnische Verhältnis ist, kann man am besten in Grenzorten wie Görlitz/Zgorzelec erleben. Von Revanchismus keine Spur, eingekauft wird dort, wo es gerade billiger ist. Aber ebenso wie die Israelis brauchen auch die Polen einen Spielplatz der Gefühle, auf dem sie Anstand und Widerstand üben können.
Frau Steinbach kommt da wie gerufen. Sie heißt Erika mit Vornamen, ist groß und blond und hat einen kräftigen Händedruck – der Prototyp der deutschen Domina im Comic-Strip der polnischen Erinnerungen. Wäre sie so nett und rundlich wie Mutter Beimer, hätten die Polen Frau Steinbach längst verziehen, dass sie 1991 gegen die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze gestimmt hat.
Freilich, auch auf der deutschen Seite gibt es eine unterschwellige Agenda. Niemand hindert den Bund der Vertriebenen daran, Orte des Gedenkens für die vertriebenen Deutschen zu errichten, ein Mahnmal, ein Museum – was immer sie möchten. Aber das ist dem Bund der Vertriebenen nicht genug. Sie schauen neidisch zum Holocaust-Mahnmal hinüber und denken: So was wollen wir auch! Zwölf Millionen deutsche Vertriebene gegen sechs Millionen ermordete Juden.
Und weil der Bau des Holocaust-Mahnmals vom Bundestag beschlossen und von der Bundesregierung mitgetragen wurde, wollen sich die Vertriebenen mit weniger nicht zufrieden geben. Deswegen kommt eine Verbandslösung nicht in Frage. Lieber warten die Vertriebenen ab, bis sie ausgestorben sind, als dass sie auf die staatliche Anerkennung als Opfer verzichten. Die Bundesregierung ihrerseits mag die Kontrolle über das Projekt nicht aufgeben, sie will die Vertriebenen einbinden, um peinliche Alleingänge zu verhindern.
Dabei sind die normalen Deutschen längst weiter. Sie kaufen Landhäuser in der Toskana, Fincas in Spanien und Weingüter in Südfrankreich. Der deutsche Grundbesitz im Ausland gleicht die territorialen Verluste infolge des Zweiten Weltkriegs aus. Ein eigener Platz an der Sonne ist den meisten Deutschen wichtiger, als in Pommern und Preußen ein paar deutsche Fähnchen aufzustellen.
Das wissen auch Frau Steinbach und die Vertriebenen. Sie wollen es nur nicht zugeben.

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Veröffentlicht 10/01/2010 von krkonos in Deutsche und Polen, Politik

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