Leserbriefe zum Nachdenken   2 comments

Zwei Leserbriefe aus der Berliner Morgenpost:

In einem bis dahin beispiellosen Angriffs-, Eroberungs- und Vernichtungskrieg zerschlug die deutsche Wehrmacht den jungen polnischen Staat, vertrieben, unterjochten und „vernichteten“ Millionen polnischer Bürger, zerstörten die Hauptstadt Warschau durch Flächenbombardements fast vollständig. Das Trauma der jahrhundertelangen Bedrohung und Bedrückung durch die Deutschen sitzt tief in der polnischen Seele. Das zarte Pflänzchen der deutsch-polnischen Aussöhnung ist sehr verletzlich und muss behutsam gepflegt werden! Anzeige Frau Steinbach mag ihre Gründe haben, warum sie Helmut Kohls Vorlage zur Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze als deutscher Ostgrenze nicht folgen, den EU-Beitritt Polens nicht befürworten mochte. Ich will das auch gar nicht bewerten oder kommentieren. Ich weiß nur, dass der hochsensible Aussöhnungsprozess mit unserem östlichen Nachbarn, von Willy Brandt begonnen, von Helmut Kohl festgeschrieben, Störungen dieser Art nicht vertragen kann! Und deshalb hat die Kanzlerin wieder einmal alles richtig gemacht! Behutsam! Auf so dünnem Eis…

Andreas Kuhnert, per E-Mail

Nach Herrn Bartoszewski, dem Beauftragten Polens für die Beziehungen zu Deutschland, haben die Vertriebenen in Frau Steinbach eine Person gewählt, die mit dem Holocaust-Leugner Williamson zu vergleichen sei. Die Beschimpfungen und Vorhaltungen treffen nicht nur Frau Steinbach als Person, sondern auch eine Repräsentantin des Deutschen Bundestags, den großen Kreis der Vertriebenen und setzen eine innerdeutsche Entscheidungsfindung über den Beirat der Stiftung unter Druck. Das von Frau Steinbach initiierte Zeichen der Erinnerung richtet sich gegen alle Vertreibungen, die, wie auch die Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten, völkerrechtswidrig sind. Die Stiftung ist auch ein Zeugnis für die Verbrechen Hitlers am eigenen Volk, wobei der Holocaust an erster Stelle zu nennen ist. Ohne Hitler hätte es den alles auslösenden Angriffskrieg und Stalins spätere Handhabe zu den großen Vertreibungen nicht gegeben. Die Erinnerungsstätte wird hoffentlich den ewig gestrigen Rechtsradikalen vor Augen führen, wohin der verbrecherische Nazi-Größenwahn führte und wie irrig das Hochhalten der alten Nazi-Parolen ist. Das Zeichen der Erinnerung schließt die vielen Toten der Vertreibungen in unseren Nachbarländern und Deutschland ein und wird Scham vor der Ungeheuerlichkeit des Krieges, des Mordens und der Vertreibungen wecken und hoffentlich die europäische Jugend bei einem Besuch wachrütteln, diese weltweit zu ächten.

Dr. Albert Hüchtker, 15566 Schöneiche

Und noch ein Beitrag, diesmal aus WELT ONLINE – und mit nem ganz anderem Ausklang.

Über Ihre Haltung bin ich sehr traurig

Von Heinz Ruhnau
Heinz Ruhnau begründet in einem Brief an den polnischen Regierungsbeauftragten Wladyslaw Bartoszewski, warum 800 Jahre deutsche Geschichte im Osten zählen
Vielleicht erinnern Sie sich noch an mich und an das Jahr 1989. Ich hatte Sie – damals als Vorstandsvorsitzender der Deutschen Lufthansa AG – zu einem Vortrag nach Frankfurt eingeladen. Sie signierten damals Ihr Buch „Herbst der Hoffnungen – Es lohnt sich, anständig zu sein“. Nun haben Sie eine Kampagne gegen Frau Erika Steinbach losgetreten. Von Ihnen hätte ich das am allerwenigsten erwartet. Falls Sie nun glauben, mit dieser Kampagne würde die öffentliche Diskussion und die historische Aufarbeitung über die deutsche Geschichte von Danzig, Stettin oder Breslau beendet sein, so werden Sie sich täuschen. Ihr Botschafter in Berlin, Marek Prawda, hat das auch in einem Interview geäußert. Die „Personalie Steinbach“ sei nicht das Problem, sondern die Gedenkstätte an sich. Diese Diskussion wird erst dann beendet, wenn auch Polen sich der unbequemen Wahrheit der Vergangenheit stellt.
Nach den Artikeln 7 und 8 des Statuts des Internationalen Gerichtshofes (1998) gelten „Vertreibungen entweder als Kriegsverbrechen“ oder als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“. Für Vertreibungen gibt es keine Rechtfertigung. Wer sich zudem bei der Begründung eines solchen Unrechtsaktes auf Herrn Hitler beruft, stellt sich, vielleicht ungewollt, aber doch mit ihm auf eine Stufe. Etwa sieben Millionen Menschen wurden aus Ostpreußen, Pommern und Schlesien vertrieben, zwei Millionen kamen ums Leben. Das Eigentum dieser Menschen wurde konfisziert – auch das der Widerstandskämpfer gegen Hitler, und es wurde das Märchen verbreitet, die neuen polnischen Bürger kämen in urpolnisches Land. Ein „Ministerium für die wiedergewonnenen Gebiete“ sollte dieser Legende den amtlichen Stempel verleihen. Nicht nur die 800-jährige deutsche Geschichte stand dieser Behauptung entgegen. Auch die deutschen Grabstätten, wie zum Beispiel die der Familie Schopenhauers, erinnerten an die deutsche Vergangenheit. Der heutige Bischof von Danzig hat im Jahr 2003 einen neuen Friedhof eingeweiht. Es ist der „Friedhof zur Erinnerung an die nicht mehr existierenden Friedhöfe“. Ein mutiger und barmherziger Mann.
Es gibt noch viele Stolpersteine auf dem Weg bis zur endgültigen Aussöhnung zwischen Polen und Deutschen zu beseitigen. Einer davon ist der kommunistische Schauprozess gegen den damaligen Bischof von Danzig, Splett *. Alles, was ihm zur Last gelegt wurde, konnte durch keine einzige Zeugenaussage belegt werden, im Gegenteil, die im Prozess aufgebotenen Zeugen sagten nur zugunsten von Splett aus. Ich frage mich, warum bis zum heutigen Tage dieses Urteil nicht aufgehoben und dieser Bischof nicht rehabilitiert worden ist.
Über Ihre Haltung bin ich sehr traurig. Man kann doch nicht für Völkerrecht und Menschenrechte eintreten und die Deutschen, die in Pommern, Ostpreußen und Schlesien gelebt haben – und die einen großen Beitrag zur europäischen Kultur leisteten -, ausnehmen.

Der Autor, Staatssekretär a. D., war von 1982 bis 1991 Vorstandsvorsitzender der Lufthansa. Ruhnau ist Mitglied der SPD und gehört zu den Mitbegründern des Seeheimer Kreises.

* Carl Maria Splett wurde als Bischof von Danzig gezwungen, auf polnische Predigten und Gesänge zu verzichten, die Nationalsozialisten drangsalierten ihn. Die kommunistische polnische Regierung machte ihm 1946 einen Schauprozess. 1956 nach Deutschland abgeschoben, trat er bis zu seinem Tod 1964 für die Versöhnung beider Länder ein.

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Veröffentlicht 15/03/2009 von krkonos in Deutsche und Polen, Politik

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2 Antworten zu “Leserbriefe zum Nachdenken

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