Archiv für März 2009

Gebirgsschlesisch – eine vergessene Mundart   2 comments

Immer seltener (zum Glück) wird in meinem Land die polnische Anwesenheit in Niederschlesien (ergo auf ehemalig böhmischen, österreichischen, preußischen und schließlich – für ne kurze Zeit – deutschen Gebieten) mit der Alt-Piasten-Geschichte begründet. Dafür öffnete sich nach der Wende (nach 1989) – mit der Ausnahme der Regierungsperiode der beiden Kartoffelbrüder – auf einmal die Tür zur Ergründung der alten Traditionen dieses Gebiets, der Volkstrachten, der Sprache. Die Letztere ist unbestritten ein wichtiger Träger der Tradition, vor allem in Form der regionalen Mundart. Das im Raum der Sudeten gesprochene Gebirgsschlesisch (mit Ausnahme des Lausitzer Berglandes und der Grafschaft Glatz) war eine sehr differenzierte Sprache. Sogar die Bewohner der voneinander nicht weit entfernten Dörfern hatten eine sprachliche Eigenart. Im Allgemeinen ist das Gebirgsschleische ein Teil der ostmitteldeutschen Sprachfamilie, allerdings mit vielen Begriffen, die aus der polnischen oder tschechischen Sprache stammen.

Hier ein Beispiel für die geschriebene (was eher selten war) gebirgsschlesische Mundart mit einem Versuch der Übersetzung ins Hochdeutsch.

A Freitich vir der Huchzet, doo hulla se’s Brautfuder bei der Braut an foorn’s zum Breitch’n; dos häßa se’s Fuderfihrn. De Braut ies nee derbeine, die bleibt derhäme. An doo wird a grußer Tollmolt gemacht. Doo waarn de ganza Schränke an olls, wos de Braut asuu brengt, off an grußa Letterwoorm uhfgelodt. Doo hoot’s drei, vier Monnsvelker derbeine an a poor Bettfraun an au an Huchzetbieter. Doo wird a gruus Assa gemacht an techtich getronka Bier an Branntwein. An doo komma jonge Maadel an soorn Getechte, der Braut äs an äs ’n Breitch’n. An doo hoan se aalt Toopzeig zum Polterobende ei an Saak gesackt an schmeißa’s a poormol uhf, doo wird a recht Gekrache an a Gelache. Do giht’s laabhoftichzu, an do wird gesonga an getanzt off daan Urte bis zum friha Murja.

Am Freitag vor der Hochzeit, da holen sie das Brautfuder bei der Braut und fahren es zum Bräutigam; das heißt Fuder führen. Die Braut ist nicht dabei, die bleibt daheim. Und da wird ein großer Tumult gemacht. Da werden die ganzen Schränke und alles, was die Braut auch so bringt, auf ein großen Leiterwagen aufgeladen. Da hat es drei, vier Männer dabei und ein paar Bettfrauen und auch ein Hochzeitbieter. Da wird ein großes Essen gemacht und tüchtig getrunken Bier und Branntwein. Und da kommen junge Mädel und sagen Gedichte, der Braut eins und ein dem Bräutigam. Und da haben sie altes Topfzeug zum Polterabend in einen Sack gesackt und schmeißen es ein paar mal auf, da wird ein recht Gekrache und ein Gelache. Da geht es leibhaftig zu, und da wird gesungen und getanzt auf dem Orte bis zum frühen Morgen.

Advertisements

Veröffentlicht 19/03/2009 von krkonos in Deutsche und Polen, Geschichte Hirschbergs, Riesengebirge

Getaggt mit

Leserbriefe zum Nachdenken   Leave a comment

Zwei Leserbriefe aus der Berliner Morgenpost:

In einem bis dahin beispiellosen Angriffs-, Eroberungs- und Vernichtungskrieg zerschlug die deutsche Wehrmacht den jungen polnischen Staat, vertrieben, unterjochten und „vernichteten“ Millionen polnischer Bürger, zerstörten die Hauptstadt Warschau durch Flächenbombardements fast vollständig. Das Trauma der jahrhundertelangen Bedrohung und Bedrückung durch die Deutschen sitzt tief in der polnischen Seele. Das zarte Pflänzchen der deutsch-polnischen Aussöhnung ist sehr verletzlich und muss behutsam gepflegt werden! Anzeige Frau Steinbach mag ihre Gründe haben, warum sie Helmut Kohls Vorlage zur Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze als deutscher Ostgrenze nicht folgen, den EU-Beitritt Polens nicht befürworten mochte. Ich will das auch gar nicht bewerten oder kommentieren. Ich weiß nur, dass der hochsensible Aussöhnungsprozess mit unserem östlichen Nachbarn, von Willy Brandt begonnen, von Helmut Kohl festgeschrieben, Störungen dieser Art nicht vertragen kann! Und deshalb hat die Kanzlerin wieder einmal alles richtig gemacht! Behutsam! Auf so dünnem Eis…

Andreas Kuhnert, per E-Mail

Nach Herrn Bartoszewski, dem Beauftragten Polens für die Beziehungen zu Deutschland, haben die Vertriebenen in Frau Steinbach eine Person gewählt, die mit dem Holocaust-Leugner Williamson zu vergleichen sei. Die Beschimpfungen und Vorhaltungen treffen nicht nur Frau Steinbach als Person, sondern auch eine Repräsentantin des Deutschen Bundestags, den großen Kreis der Vertriebenen und setzen eine innerdeutsche Entscheidungsfindung über den Beirat der Stiftung unter Druck. Das von Frau Steinbach initiierte Zeichen der Erinnerung richtet sich gegen alle Vertreibungen, die, wie auch die Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten, völkerrechtswidrig sind. Die Stiftung ist auch ein Zeugnis für die Verbrechen Hitlers am eigenen Volk, wobei der Holocaust an erster Stelle zu nennen ist. Ohne Hitler hätte es den alles auslösenden Angriffskrieg und Stalins spätere Handhabe zu den großen Vertreibungen nicht gegeben. Die Erinnerungsstätte wird hoffentlich den ewig gestrigen Rechtsradikalen vor Augen führen, wohin der verbrecherische Nazi-Größenwahn führte und wie irrig das Hochhalten der alten Nazi-Parolen ist. Das Zeichen der Erinnerung schließt die vielen Toten der Vertreibungen in unseren Nachbarländern und Deutschland ein und wird Scham vor der Ungeheuerlichkeit des Krieges, des Mordens und der Vertreibungen wecken und hoffentlich die europäische Jugend bei einem Besuch wachrütteln, diese weltweit zu ächten.

Dr. Albert Hüchtker, 15566 Schöneiche

Und noch ein Beitrag, diesmal aus WELT ONLINE – und mit nem ganz anderem Ausklang.

Über Ihre Haltung bin ich sehr traurig

Von Heinz Ruhnau
Heinz Ruhnau begründet in einem Brief an den polnischen Regierungsbeauftragten Wladyslaw Bartoszewski, warum 800 Jahre deutsche Geschichte im Osten zählen
Vielleicht erinnern Sie sich noch an mich und an das Jahr 1989. Ich hatte Sie – damals als Vorstandsvorsitzender der Deutschen Lufthansa AG – zu einem Vortrag nach Frankfurt eingeladen. Sie signierten damals Ihr Buch „Herbst der Hoffnungen – Es lohnt sich, anständig zu sein“. Nun haben Sie eine Kampagne gegen Frau Erika Steinbach losgetreten. Von Ihnen hätte ich das am allerwenigsten erwartet. Falls Sie nun glauben, mit dieser Kampagne würde die öffentliche Diskussion und die historische Aufarbeitung über die deutsche Geschichte von Danzig, Stettin oder Breslau beendet sein, so werden Sie sich täuschen. Ihr Botschafter in Berlin, Marek Prawda, hat das auch in einem Interview geäußert. Die „Personalie Steinbach“ sei nicht das Problem, sondern die Gedenkstätte an sich. Diese Diskussion wird erst dann beendet, wenn auch Polen sich der unbequemen Wahrheit der Vergangenheit stellt.
Nach den Artikeln 7 und 8 des Statuts des Internationalen Gerichtshofes (1998) gelten „Vertreibungen entweder als Kriegsverbrechen“ oder als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“. Für Vertreibungen gibt es keine Rechtfertigung. Wer sich zudem bei der Begründung eines solchen Unrechtsaktes auf Herrn Hitler beruft, stellt sich, vielleicht ungewollt, aber doch mit ihm auf eine Stufe. Etwa sieben Millionen Menschen wurden aus Ostpreußen, Pommern und Schlesien vertrieben, zwei Millionen kamen ums Leben. Das Eigentum dieser Menschen wurde konfisziert – auch das der Widerstandskämpfer gegen Hitler, und es wurde das Märchen verbreitet, die neuen polnischen Bürger kämen in urpolnisches Land. Ein „Ministerium für die wiedergewonnenen Gebiete“ sollte dieser Legende den amtlichen Stempel verleihen. Nicht nur die 800-jährige deutsche Geschichte stand dieser Behauptung entgegen. Auch die deutschen Grabstätten, wie zum Beispiel die der Familie Schopenhauers, erinnerten an die deutsche Vergangenheit. Der heutige Bischof von Danzig hat im Jahr 2003 einen neuen Friedhof eingeweiht. Es ist der „Friedhof zur Erinnerung an die nicht mehr existierenden Friedhöfe“. Ein mutiger und barmherziger Mann.
Es gibt noch viele Stolpersteine auf dem Weg bis zur endgültigen Aussöhnung zwischen Polen und Deutschen zu beseitigen. Einer davon ist der kommunistische Schauprozess gegen den damaligen Bischof von Danzig, Splett *. Alles, was ihm zur Last gelegt wurde, konnte durch keine einzige Zeugenaussage belegt werden, im Gegenteil, die im Prozess aufgebotenen Zeugen sagten nur zugunsten von Splett aus. Ich frage mich, warum bis zum heutigen Tage dieses Urteil nicht aufgehoben und dieser Bischof nicht rehabilitiert worden ist.
Über Ihre Haltung bin ich sehr traurig. Man kann doch nicht für Völkerrecht und Menschenrechte eintreten und die Deutschen, die in Pommern, Ostpreußen und Schlesien gelebt haben – und die einen großen Beitrag zur europäischen Kultur leisteten -, ausnehmen.

Der Autor, Staatssekretär a. D., war von 1982 bis 1991 Vorstandsvorsitzender der Lufthansa. Ruhnau ist Mitglied der SPD und gehört zu den Mitbegründern des Seeheimer Kreises.

* Carl Maria Splett wurde als Bischof von Danzig gezwungen, auf polnische Predigten und Gesänge zu verzichten, die Nationalsozialisten drangsalierten ihn. Die kommunistische polnische Regierung machte ihm 1946 einen Schauprozess. 1956 nach Deutschland abgeschoben, trat er bis zu seinem Tod 1964 für die Versöhnung beider Länder ein.

Veröffentlicht 15/03/2009 von krkonos in Deutsche und Polen, Politik

Getaggt mit , , ,

Polnisches Trauma, Frau Steinbach   2 comments

Noch nie wurde Frau Erika Steinbach so oft in der deutschen Presse erwähnt, wie in letzter Zeit – und das pardoxerweise dank ihren größten Gegnern: Der polnischen Regierung und der polnischen Politikern. Erreicht haben die Polen zweilerlei – einerseits wurde ihre Mitgliedschaft im Stiftungsrat des Zentrums gegen Vertreibungen VORLÄUFIG verhindert, anderseits ist dank der polnischen Kampagne ihre Wiederwahl in den Bundestag so gut, wie sicher.

Zu diesem Thema auch ein Beitrag aus der „Frankfurter Rundschau“ von Stephan Hebel:

Neues Spiel gegen Polen

Gott, ist das nobel! Erika Steinbach geht den Opfergang. Die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen verzichtet auf einen Platz im Stiftungsrat des Zentrums gegen Vertreibungen. Und Ronald Pofalla, der CDU-Generalsekretär und Wahrer der politischen Moral, spricht es aus: „Mit ihrem Verzicht auf einen Sitz im Stiftungsrat zeigt sie menschliche Größe und politische Weitsicht. Sie stellt die Aussöhnung zwischen Deutschland und Polen über ihre eigenen Wünsche und Hoffnungen.“
Und diese Heilige soll dieselbe Person sein wie die „Bestie in blond“? Das soll die „Revisionistin“ sein, wie sie in Polen genannt wird? Die Unbelehrbare, die die deutsche Kriegsschuld ignoriert, die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze ablehnte und den östlichen Nachbarn am liebsten noch Entschädigung abzwingen würde?
Ach was, Freund und Feind der Vertriebenen-Chefin liegen daneben. Einerseits muss Pokerface Pofalla wahrscheinlich im Stillen selber grinsen über seine heiligsprechenden Worte. Sie sind in Wahrheit ein Teil des Deals – eine Überhöhung zum Ausgleich für die politisch erzwungene (und zwingende) Demütigung. Andererseits greift auch der Revisionismus-Vorwurf zum Teil daneben. Nicht, dass sich Wladyslaw Bartoszewski und viele seiner polnischen Landsleute zu Unrecht gegen Erika Steinbach gewehrt hätten. Sie haben es zu Recht getan. Aber sie greifen in ihren Begründungen – Nichtanerkennung der Oder-Neiße-Grenze, Entschädigungsforderungen – zu kurz. Sie übersehen die eigentliche Gefahr, die von Steinbach und ihren Gesinnungsfreunden ausgeht.
Es stimmt, dass Erika Steinbach nach der deutschen Vereinigung die Oder-Neiße-Grenze nicht anerkennen wollte. Es stimmt, dass sie noch vor zehn Jahren offen nach Entschädigungen für die Vertriebenen rief. Aber es stimmt auch, dass sie inzwischen gelernt hat. Sie hat gelernt, ihr Geschäft so zu betreiben, dass man ihr klassischen Revisionismus nicht mehr vorwerfen kann. Ob sie die deutsche Erstverantwortung für Krieg und Vertreibung aus innerer Überzeugung anerkennt oder nicht – sie tut es jedenfalls. Das ist gut. Schlimm ist: Die Melodie mit den antipolnischen Untertönen spielt sie weiter, nur mit anderen Instrumenten. Sie bedient die antipolnischen Reflexe ihres rechtskonservativen Publikums, ohne sich beim Leugnen deutscher Verantwortung erwischen zu lassen.
Wie macht sie das? Wie macht es der rechte Flügel der Union, der zwar durch den Rückzug vor den Kopf gestoßen, aber von Pofalla und Co. so schön getröstet wird? Sie machen es mit einem simplen Trick. Seht her, so die Botschaft, wir leugnen nichts, wir erkennen historische Schuld und Verantwortung heldenhaft an. Dafür verlangen wir von euch, liebe Polen, eine kleine Gegenleistung: Haltet bitte den Mund. Lasst uns in Ruhe. Lobt und preist uns, was auch immer wir in der Gegenwart tun. Sonst, liebe Polen, müssen wir der Welt leider mitteilen, dass ihr die Bösen seid. Dass euer Deutschland-Beauftragter Bartoszewski mit seiner „vipernschnellen Zunge“ (FAZ) ein bisschen viel „dazwischenfunkt“ (noch mal FAZ) und mit seinen „Entgleisungen absichtlich deutsche Politiker beleidigt“ (Hessens CDU-Fraktionschef Christean Wagner). Wir Deutschen beanspruchen nach all den schönen Schuldbekenntnissen jetzt wenigstens die moralische Feldüberlegenheit.
Wer sich derart einem versöhnungsbereiten, aber bis heute traumatisierten Volk präsentiert, hat nichts verstanden. Die Lippenbekenntnisse zur historischen Wahrheit sind nichts wert, wenn sie sich mit der sehr gegenwärtigen Weigerung verbinden, sich in die Motive und Probleme der polnischen Seite hineinzuversetzen. Hat ein Herr Pofalla zufällig mal gehört, wie sich der ehemalige Nazi-Verfolgte Bartoszewski im eigenen Land gegen heftigste Widerstände für die Versöhnung mit Deutschland und die Anerkennung polnischer Schuld an der Vertreibung einsetzte? Was hat Pofalla, zum Beispiel gegen die Widerstände von Vertriebenen, Entsprechendes in Deutschland vorzuweisen? Hat er Bartoszewski für dessen „menschliche Größe und politische Weitsicht“ gelobt? Nein, er trampelt, indem er Steinbach heiligspricht, auf den Gefühlen der Nachbarn herum.
So sieht er aus, der neue Revisionismus, der das Leugnen oder Relativieren deutscher Verbrechen gar nicht mehr braucht. Er ist ungewohnt, und gegen ihn sich zu verteidigen ist besonders schwer. Und deshalb hat niemand in Polen nach Steinbachs Rückzug Grund zur Erleichterung.

Veröffentlicht 04/03/2009 von krkonos in Deutsche und Polen, Politik

Getaggt mit , , , ,

Kluge Worte aus der „WELT“   1 comment

Ich erlaube mir, diesen Beitrag vollständig zu übernehmen, mit der Information, er stammt aus der Internetsite der WELT-Online vom 1. März 2009.

Eine Vergangenheit, zwei Perspektiven

Polen: Nicht das Land von Holocaust und Vertreibung

Die immer wiederkehrenden Verwerfungen zwischen Deutschland und Polen geben Rätsel auf. Haben nicht Berliner Politiker tausendfach beschworen, das deutsch-polnische Verhältnis könne und müsse ähnlich gestaltet werden wie das deutsch-französische? Doch offenbart diese Parallele, wie wenig die Deutschen über ihre östlichen Nachbarn wissen. Jedenfalls sehr viel weniger als umgekehrt. Diese Asymmetrie erklärt zum Teil die gegenwärtigen Verstimmungen. Auch um sie zu überwinden, schlagen viele Vertreter Polens scharfe Töne an. Wer nicht schreit, wird heutzutage schnell überhört.
Jetzt werden die Polen laut wegen Erika Steinbach. Dass sie 1990 im Bundestag gegen die Anerkennung der deutsch-polnischen Westgrenze stimmte, spielt heute nur eine Nebenrolle. Die oftmals ungerechte Schärfe, mit der man sich auf Steinbach stürzt, zeigt, dass es um mehr geht. Die zugrunde liegende Sorge in Polen betrifft die Frage, wie Deutschland, Israel, Amerika und die ganze Welt den Zweiten Weltkrieg erinnern werden. Es geht um unsere Bilder der Geschichte.
Polen hat die „dunklen Flecken“ in der eigenen Geschichte so kritisch diskutiert, wie es in Mittel- und Osteuropa ohne Beispiel ist. Das begann im Exil und 1980/81 in der Solidarnosc-Bewegung und setzte sich nach 1989 fort. Dutzende Bücher erschienen in wenigen Jahren über die Vertreibung der Deutschen. 2001 rückten das Verhältnis zu den Juden und der eigene Antisemitismus ins Rampenlicht. Die beiden damals meinungsführenden Tageszeitungen „Gazeta Wyborcza“ und „Rzeczpospolita“ behandelten über Monate hinweg den Pogrom des Jahres 1941 im ostpolnischen Jedwabne, wo Polen unter deutscher Besatzung ihre jüdischen Nachbarn in eine Scheune gesperrt und diese angezündet hatten. Präsident Kwaśniewski sprach das Wort „Entschuldigung“ aus. Einige Jahre zuvor, zum 50. Jahrestag des Kriegsendes, hatte der Auschwitz-Häftling Wladyslaw Bartoszewski, gerade zum Außenminister Polens ernannt, im Bundestag gesagt: „Wir beklagen das individuelle Schicksal und die Leiden von unschuldigen Deutschen, die von den Kriegsfolgen betroffen wurden und ihre Heimat verloren haben.“
Auch am Verhältnis zu den östlichen Nachbarn wurde gearbeitet. Zwei Millionen Polen hatten – oft unter grausamen Umständen – Flucht und Vertreibung aus ihren Ostgebieten erlebt, aus dem heutigen Litauen, der Ukraine und Weißrussland. Vertriebenenverbände, Entschädigungsansprüche und einen Grenzrevisionismus durfte es in Polen vor 1989 nicht geben, und auch danach ist das Thema politisch nicht brisant geworden. Doch man verstand in Polen gut, was den deutschen Vertriebenen ihre Heimat bedeutete. Sie waren gern gesehene Gäste; Schlesier-Chef Herbert Hupka erhielt von seiner Geburtsstadt später sogar die Ehrenbürgerwürde.
Und jetzt das. Immer häufiger reisen Gruppen junger Israelis nach Auschwitz und bewegen sich, nach außen strikt abgeschottet, durch das Land. Sie fahren nach Polen, so der israelische Historiker Moshe Zimmermann, in dem Bewusstsein, das „Land der Vernichtung“ zu besuchen. Bei Deutschland denken sie an Mercedes, bei Polen an Holocaust. Das erklärt die Nervosität, wenn in ausländischen Zeitungen mit Blick auf die NS-Zeit fälschlich von „polnischen Konzentrationslagern“ oder „Polish death camps“ die Rede ist.
Andere Töne kamen aus Deutschland. Mit juristischem Sachverstand wurde die „Preußische Treuhand“ gegründet – sie wollte deutsche Eigentumsansprüche durchsetzen. Vor allem im westlichen Polen hat sie für Unruhe gesorgt. Erst Ende 2008 ist die Treuhand vor dem Gerichtshof in Straßburg gescheitert. Dann die Pläne aus Deutschland für ein „Zentrum gegen Vertreibungen“ oder ein „sichtbares Zeichen“. In der Sache gab es nicht viel auszusetzen, und so sprachen sich viele prominente Polen (die später umschwenkten) zunächst dafür aus, diese Gedenkstätte gemeinsam und in Breslau aufzubauen. Doch von deutscher Seite hieß es, sie solle in Berlin sein, und so trennten sich die Wege. Alsbald fasste der junge Publizist Wojciech Pieciak, Freund und Kenner Deutschlands, die polnische Besorgnis in folgende Worte: Die deutsche Erinnerung an die Opfer des Krieges werde eines Tages zusammengeschnurrt sein auf Holocaust und Vertreibung (der Deutschen). Künftig würden Berlin-Besucher zum Holocaust-Mahnmal gekarrt werden und von dort zur Erinnerungsstätte für die Vertriebenen. Und wo bleibe die Erinnerung an das, was Deutsche den Polen angetan haben?

Gerhard Gnauck

Veröffentlicht 01/03/2009 von krkonos in Deutsche und Polen, Politik

Getaggt mit